Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen fallen bei Betrachtung des bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommens hingegen gering aus und spielen sich im Nachkommabereich ab. Das Risiko von älteren Menschen ist auf Basis des SOEP mit gut 12 Prozent weiterhin unterdurchschnittlich. Auch gehen bei Älteren Entbehrungen seltener auf finanzielle Gründe zurück. Die Verteilung der Armutsrisiken weicht somit deutlich von der Wahrnehmung der Bevölkerung ab: Zwei von drei Befragten vermuten ein besonders hohes Risiko in der Ruhestandsphase. Gleichwohl sind Altersrentner zunehmend in den Blick zu nehmen, da sie trotz ihres unterdurchschnittlichen Armutsrisikos zahlenmäßig bereits jetzt eine bedeutende Rolle für die Zusammensetzung der Armutsgefährdeten spielen.
Erwerbstätige weisen im Gegensatz zu den Arbeitslosen ein Einkommensarmutsrisiko von lediglich 10 Prozent aus, bei Vollzeitbeschäftigten liegt es bei unter 5 Prozent.
In Ostdeutschland lag das Einkommensarmutsrisiko im Jahr 2016 mit 22,5 Prozent auf SOEP-Basis deutlich über dem Wert von Westdeutschland mit 15,4 Prozent. Es gilt allerdings zu beachten, dass die Differenz im Mikrozensus im Jahr 2016 mit 3,4 Prozentpunkten erkennbar geringer ausfiel und inzwischen auf 2,5 Prozentpunkte gesunken ist. Hinzu kommt, dass im Osten das Preisniveau gut 5 Prozent niedriger ist als im Westen. Berücksichtigt man dies, gibt es zwischen Ost und West auf Basis des Mikrozensus kaum noch Unterschiede in der kaufkraftbereinigten Armutsgefährdungsquote.
Die Ostdeutschen sind danach per se keine besonders bedrohte Gruppe. Regional zeigt sich nach der Preisbereinigung vielmehr ein ausgeprägtes Stadt-Land-Gefälle mit sehr hohen Quoten in den Großstädten. Diese ergeben sich auch dadurch, dass in den Städten überdurchschnittlich viele Menschen aus den ohnehin im erhöhten Maße armutsgefährdeten Gruppen leben. In einigen ländlichen Teilen Ostdeutschlands, etwa in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, verbleiben jedoch auch preisbereinigt Gebiete mit hohen Armutsgefährdungsquoten.
Dauerhaftes Einkommensarmutsrisiko
Bei einem Blick auf die Dauer von ununterbrochenen Phasen der Einkommensarmutsgefährdung identifizieren wir ähnliche Risikogruppen: Während sich im Bundesdurchschnitt rund die Hälfte aller von Einkommensarmut gefährdeten Menschen bereits im Folgejahr daraus befreien kann, sind es unter den bedrohten Vollzeiterwerbstätigen bereits 70 Prozent. Bei den bedrohten Arbeitslosen liegt der gleiche Anteil hingegen bei 45 Prozent.
Die Unterschiede zwischen Erwerbstätigen und Arbeitslosen werden über längere Zeiträume noch deutlicher: Geraten Vollzeiterwerbstätige in Einkommensarmut, haben 96 Prozent von ihnen spätestens nach den folgenden fünf Jahren wieder ein Einkommen oberhalb der Armutsgefährdungsschwelle erreicht. Von den Arbeitslosen, die in Einkommensarmut fallen, bleibt dagegen jeder Vierte auch in den fünf Folgejahren dauerhaft einkommensarm. Auch Alleinerziehende und Menschen mit Migrationshintergrund sind länger von durchgehenden Phasen der Einkommensarmut betroffen.
Durchlässigkeit der Gesellschaft im Lebensverlauf
Die Aufstiegschancen im Lebensverlauf haben sich zuletzt verbessert. So ist die Aufstiegsmobilität aus dem untersten Einkommensviertel zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung wieder gestiegen und übertrifft die Werte aus der Nachwendezeit. Verblieben zwischen 1991 und 1995 noch 56 Prozent der Menschen im untersten Einkommensviertel, reduzierte sich dieser Anteil im Zeitraum von 2011 bis 2015 auf 48 Prozent. Für den Zeitraum von 2006 bis 2010 lag derselbe Anteil noch bei 60 Prozent. Die günstige konjunkturelle Entwicklung, steigende Beschäftigung und Reallohnzuwächse haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Gleichzeitig hat sich die Durchlässigkeit im oberen Einkommensviertel jedoch verringert. Hielten Anfang der 1990er-Jahre noch 65 Prozent der Personen aus dem oberen Einkommensbereich ihre Position, waren es Anfang der 2010er-Jahre 78 Prozent.
Allerdings ist bei derlei relativen Maßen, die die Positionsveränderungen von Menschen in der Einkommensverteilung über die Zeit messen, stets zu beachten, dass der Aufstieg einer Person mit dem Abstieg einer anderen Person verbunden ist. Mit der größeren Anzahl von Aufstiegen ging somit gleichzeitig ein höheres Abstiegsrisiko aus der unteren Mitte einher. Indes greift eine alleinige Betrachtung der relativen Einkommensmobilität zu kurz, da sie absolute Wohlstandsgewinne nicht abbildet. Auch wenn sich manche Menschen relativ gesehen verschlechtert haben, so können sie sich gegenüber vorherigen Jahren oder auch Generationen bessergestellt haben.
Zudem offenbart ein Blick auf den lang gefassten Zeitraum von 1991 bis 2015, dass es um die Durchlässigkeit der deutschen Gesellschaft insgesamt besser gestellt ist, als es der Blick auf die üblichen Fünfjahreszeiträume vermuten lässt: Über diesen langen Zeitraum ergibt sich ein sehr viel positiveres Bild, demzufolge deutlich mehr Menschen ihre relative Einkommensposition verbessern konnten. So gelang mehr als drei Vierteln der Menschen aus dem untersten Einkommensviertel der Aufstieg in eine höhere Einkommensgruppe und auch die Durchlässigkeit im oberen Einkommensviertel fällt größer aus als bei der vorherigen Betrachtung. Daraus ergibt sich, dass sozialer Aufstieg häufig Zeit benötigt und zu kurz gewählte Betrachtungszeiträume das tatsächliche Ausmaß der gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten nur unzureichend abbilden können.
Aufstiegsmöglichkeiten zwischen den Generationen
Auch zwischen den Generationen zeichnet sich ein Grad von relativer Einkommensmobilität ab, der so oftmals nicht vermutet wird. Im internationalen Vergleich erscheint Deutschland weder als ein Land mit sehr großen Aufstiegsmöglichkeiten von einer Generation zur anderen noch mit sehr geringen. So lassen sich in Deutschland rund 32 Prozent der Einkommensunterschiede in der heutigen Generation durch die Einkommensposition in der Elterngeneration erklären. In Italien, Großbritannien und den Vereinigten Staaten liegt der Erklärungsanteil bei fast 50 Prozent. Am anderen Ende des Spektrums zeigen Dänemark, Finnland und Norwegen, dass der elterliche Einfluss auch deutlich geringer ausfallen kann. Dort liegt derselbe Anteil unter 20 Prozent. Auch wenn Spielraum für Verbesserungen besteht, macht der Vergleich deutlich, dass Aufstiegschancen zwischen den Generationen vorhanden sind und dass diese nur zu einem gewissen Teil mit den Einkommen der Elterngeneration zusammenhängen.
Schlussfolgerungen
Da die unterschiedliche Wahrnehmung bezüglich der dringlichsten Handlungsfelder eine gezielte politische Adressierung der Risikogruppen erschwert, ist eine sachgenaue Auseinandersetzung mit der Armutsproblematik von besonderer Bedeutung für den öffentlichen Diskurs. Im Gegensatz dazu birgt der weitgehend vorherrschende Niedergangsdiskurs die Gefahr, dass vornehmlich Ängste in der Mitte der Gesellschaft geschürt werden, die wenig zuträglich für die Solidarität mit dem unteren Rand der Gesellschaft sind.
Die Befunde auf Basis der unterschiedlichen Armutsmaße unterscheiden sich zwar im Detail, zeigen jedoch in keinem Fall weder eine überdurchschnittlich stark ausgeprägte Problemlage in Deutschland, noch bedeutsame Verschlechterungen, sondern vielmehr meist Verbesserungen. Unabhängig von der Wahl des Armutsmaßes lassen sich sehr robust Risikogruppen identifizieren, die nicht nur häufiger von Armut bedroht sind, sondern auch dauerhafter: Alleinerziehendenhaushalte, Familien mit drei Kindern oder mehr, Menschen mit Migrationshintergrund und Arbeitslose. Beim Blick auf Armut als Mangel an Verwirklichungschancen werden Risikofaktoren der Armutsgefährdung wie Arbeitslosigkeit und mangelnde Bildung zum integralen Bestandteil der Armut selbst. Die Senkung der Arbeitslosigkeit und die Steigerung der Erwerbsintensität sind damit nicht nur mittelbar wichtig, indem sie die Einkommenschancen verbessern, sondern unmittelbar armutsreduzierend, weil sie die Teilhabemöglichkeiten am Erwerbsleben verbessert. Dies sollte auch die Politik berücksichtigen.
Daher sollte auch zur Verbesserung der Startchancengerechtigkeit die Bildungsbeteiligung erhöht und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch gut zugängliche und qualifizierte Betreuungsangebote auch für die Kleinsten verbessert werden. Mit Nachqualifizierungsangeboten, Sprachförderung und ausbildungsbegleitenden Maßnahmen ließen sich die Einstiegs- und Aufstiegschancen für Personen mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Elternhäusern verbessern. Gerade Schulen und Bildungseinrichtungen, die besonders viele Kinder mit hohem Unterstützungsbedarf betreuen, sollten mehr Personal und höhere Mittel zugewiesen werden. Mehr Anreize für eine vollzeitnahe Beschäftigung und eine höhere Betreuungsdichte für Langzeitarbeitslose könnten den Ausstieg aus dem Transferleistungsbezug erleichtern.
Die im Artikel genutzten Daten stammen aus dem INSM-Teilhabemonitor 2019
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