Folgt Europa durch Corona dem japanischen Abstiegspfad?

Eine fehlerhafte Wirtschaftspolitik in Japan wird von der dortigen Notenbank gestützt. Eine Folge: Der Reallohn in Japan sinkt. Droht diese Entwicklung infolge der Corona-Krise nun auch in Europa?  

Mit der Corona-Krise hat sich das Muster der europäischen Geld- und Finanzpolitik nochmals deutlich Japan angenähert. Eine starke Ausweitung der Staatsverschuldung in allen europäischen Ländern wird von umfangreichen Ankäufen von Staatsanleihen der EZB begleitet. Damit stellt sich mehr denn je die Frage, ob Europa japanisiert wird (siehe bereits Schnabl 2013) und welche Konsequenzen das für die Menschen in Europa hätte. Zwar wird immer wieder argumentiert, dass die Entwicklung in Japan auch nach 30 Jahren Stagnation „nicht so schlimm sei“ (Krugman 2015). Doch das hängt stark von der Interpretation der Indikatoren ab (Murai und Schnabl 2019).

In Japan stellt man sich unterdessen vermehrt die Frage nach dem wirtschaftlichen und sozialen Abstieg. Letzten Monat wurde in einer der ältesten japanischen Fernsehsendungen “Shinichi Hatori Morning Show” diskutiert, warum Japan der große Verlierer in der internationalen Staatengemeinschaft ist. Kern der Diskussion ist ein Graph, der zeigt, dass seit 1997 das reale Lohnniveau in Japan um 10 Prozent gefallen ist, während in allen anderen OECD-Ländern die Löhne preisbereinigt deutlich gestiegen sind. In Schweden sogar um knapp 40 Prozent (siehe Abbildung).

Quelle: OECD

Die Sendung beginnt mit der Feststellung, dass die Weltwirtschaftsmacht Japan zum Billigland abgestiegen sei, in das selbst Touristen aus Entwicklungsländern kämen, um günstig einzukaufen. Als Beispiel dienen 100-Yen-Läden (hierzulande 1-Euro-Läden), die im Leben der Japaner sehr stark an Bedeutung gewonnen haben, da dort die Preise seit 30 Jahren nicht gestiegen seien. Es wird gezeigt, dass bei den Jahreseinkommen des durchschnittlichen Bürgers Japan unter den 30 OECD-Ländern inzwischen nur noch auf Rang 19 liegt. Im Jahr 1990, kurz nach Platzen der Blasenökonomie, war es noch Rang 9. Die jungen Menschen hätten keine Perspektive und keine Orientierung mehr. Der unter Schülern am meisten genannte Berufswunsch seien Youtuber (Männer) und Künstlerin (Frauen).

Die Suche nach den Ursachen wirft ein Schlaglicht auf das System der lebenslangen Beschäftigung. Die Bezahlung erfolge nach wie vor nach dem Senioritätsprinzip und nicht nach Leistung. Die gut situierten älteren Arbeitnehmer sträubten sich gegen Veränderungen. Die ältere Generation sei der regierenden LDP treu, weil sie die Phase des hohen Wirtschaftswachstums erlebt habe und am meisten vom Senioritätsprinzip profitiere. Sie konnte noch Familien gründen und habe noch respektable Renten zu erwarten. Das sei für die junge Generation nicht mehr der Fall. Das führe dazu, dass qualifizierte junge Arbeitskräfte abwanderten, weil sie im Ausland höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen vorfänden. Die Anzahl der Auswanderer sei in der IT-Branche besonders hoch.

Die Diskussion möglicher wirtschaftspolitischer Fehler erfolgt in der Sendung nicht, sondern wird dem Kommentarfeld überlassen. Dort zeigt sich die Enttäuschung vieler Japaner mit der Regierung und der Wirtschaftspolitik. 30 Jahre nach dem Platzen der japanischen Blasenökonomie hat die expansive Geld- und Finanzpolitik, die seit 2013 unter Präsident Abe nochmals forciert stark wurde, nicht die versprochene Erholung gebracht. Stattdessen liegt das durchschnittliche reale Wachstum seit 1990 bei knapp 1 Prozent pro Jahr und die reale Verzinsung der Ersparnisse seit 1996 nahe null. Die realen Löhne fallen seit 1998 um durchschnittlich ein halbes Prozent pro Jahr. Die irregulären Beschäftigungsverhältnisse (befristet, Teilzeit oder Leiharbeit) sind zwischen 1984 und 2019 von 6 Millionen (15 Prozent) auf 22 Millionen (38 Prozent) angestiegen.

In Japan weisen nun vermehrt sowohl Fernsehsendungen als auch die Presse darauf hin, dass alle am Ende gleich arm sein werden, wenn die Wirtschaftspolitik unverändert bleibt. Der wirtschaftliche und soziale Abstieg frustriert die sonst so geduldigen und höflichen Japaner, von denen einer die Abenomics sogar als „Ahonomics“ – als dumme Wirtschaftspolitik – beschimpft.

Mit der Corona-Krise dürfte Europa nun dem japanischen Abstiegspfad folgen. Im Süden Europas sind die Löhne schon länger unter Druck. Mit der Corona-Krise dürften sich nun wohl auch in Deutschland die Hoffnungen verflüchtigt haben, dass die Löhne auf Dauer steigen werden. Nachdem die wirtschaftlichen Perspektiven der jungen Generation in Südeuropa schon lange trübe sind, könnten sich nun auch viele junge Menschen im Norden Europas zu der Gruppe der Perspektivlosen gesellen. Um den jungen Menschen in Europa eine bessere Zukunft zu bieten, bräuchte es nicht eine Hinwendung, sondern eine fundamentale Abkehr vom Muster der japanischen Geld- und Finanzpolitik.

Literatur:

Krugman, Paul 2015: Rethinking Japan, New York Times, 20. Oktober 2015.

Schnabl, Gunther 2013: Die japanischen Lehren für die europäische Krise. Zeitschrift für Wirtschaftspolitik 62, 1, 1-22.

Murai, Taiki und Schnabl, Gunther 2019: Kreative Statistik hilft nicht: Lehren aus Japans verfehlter Wirtschaftspolitik, INSM ÖkonomenBlog, 28. Mai 2019.

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Autor:

Prof. Dr. Gunther Schnabl und Taiki Murai Prof. Schnabl ist Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig. Taiki Murai ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftspolitik

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