Berlin – Thüringen verschlechtert sich im INSM-Bildungsmonitor 2025 von Platz 5 auf Platz 6 der 16 Bundesländer. Die Vergleichsstudie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) bewertet anhand von insgesamt 98 Indikatoren in 13 Handlungsfeldern, inwieweit ein Bundesland Bildungsarmut reduziert, zur Fachkräftesicherung beiträgt und Wachstum fördert.
Ausgewählte Ergebnisse INSM-Bildungsmonitor 2026
Stärken weist Thüringen in den Handlungsfeldern Hochschule/MINT, Förderinfrastruktur, Berufliche Bildung, Ausgabenpriorisierung und Schulqualität.
Deutliches Verbesserungspotenzial besteht in Thüringen vor allem in den Handlungsfeldern Integration, Internationalisierung und Zeiteffizienz:
Mangelnde Bildungschancen bleiben zentrale Herausforderung in Deutschland
Rund ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland verfügt über keinen berufsqualifizierenden Abschluss – mit gravierenden Folgen für Einkommenschancen und gesellschaftliche Teilhabe. Personen ohne Abschluss der Sekundarstufe II erreichen deutlich seltener die Einkommensmittelschicht und sind fast sechsmal häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als Personen mit beruflicher Ausbildung. Der demografische Wandel verstärkt zusätzlich die positiven Berufsaussichten von Fachkräften. Gleichzeitig hängen Bildungserfolg und sozioökonomische Herkunft in Deutschland nach wie vor eng und im Vergleich zu anderen Ländern stark zusammen. Kinder aus bildungsfernen Haushalten erreichen geringere Kompetenzen und schlechtere Bildungsabschlüsse, dabei entstehen die ungleichen Bildungschancen bereits in der Kindheit und in der Schulzeit. Die Berufsausbildung ist hingegen eine Stärke des deutschen Bildungssystems und beim Zugang zu den Hochschulen gibt es deutliche Fortschritte.
Gezielte Investitionen in Bildung können Chancen verbessern
Wirksame Maßnahmen setzen früh an: Flächendeckende, verpflichtende Sprachstandserhebungen vor dem Grundschuleintritt, Sprachförderung, zusätzliche nach Sozialindex differenzierte Ressourcen, eine Ausweitung des Startchancenprogramms auf Kitas und weitere Schulen in benachteiligten Lagen, der Ausbau von Ganztagsangeboten, Mentoringprogramme, die Sicherung hochwertiger Lehrkräfteversorgung und die Stärkung datengestützter Unterrichtsentwicklung können Herkunftseffekte gezielt abmildern. Eine Digitalstrategie an Schulen zum Erwerb digitaler Kompetenzen und Konzepte zum Schutz der Kinder vor Risiken der Nutzung digitaler Medien in der Freizeit sind weitere wichtige Maßnahmen für bessere Bildungschancen. Mehr Berufsorientierung und eine gezielte Unterstützung leistungsschwacher Auszubildender können helfen, die Stärken der beruflichen Bildung zu erhalten. Eine Ausbildungsplatzabgabe hingegen wäre kontraproduktiv, würde Unternehmen belasten und die hohe Passung von Ausbildung und Bedarfen gefährden, ohne die Ursachen von Bildungsarmut zu bekämpfen.
Demografie besondere Herausforderung in ostdeutschen Flächenländern
Zur Aufgabe, alle Bildungspotenziale zu heben, kommt in Ostdeutschland eine gewaltige Herausforderung hinzu: der demografische Wandel. So nimmt die Zahl der Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen von 2025 bis 2035 in den ostdeutschen Flächenländern um 14,9 Prozent ab (Thüringen: -16,0 Prozent; zum Vergleich: westdeutsche Flächenländer: +4,7 Prozent). Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren in Ostdeutschland deutlich einbrechen und den Wohlstand massiv gefährden. Zuwanderung ist daher besonders wichtig. Das Bildungssystem kann an vielen Stellen positiv wirken, von der Vermittlung von Weltoffenheit in Schulen bis hin zur Nutzung des Potenzials internationaler Studierender durch die Sicherung von Studienkapazitäten und den Ausbau von Begleitprogrammen an Hochschulen.
Hochschule und MINT (BM 2026: 1. Platz): Thüringen zieht relativ viele Studienanfängerinnen und -anfänger aus anderen Bundesländern an. Auch die Relation der Studienabsolventinnen und -absolventen zur akademischen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter fiel im Jahr 2024 überdurchschnittlich aus. Die Akademikerersatzquote betrug 7,9 Prozent (Bundesdurchschnitt: 4,3 Prozent). Bei allen drei Indikatoren erreicht Thüringen den Spitzenplatz aller Bundesländer. Zudem weist Thüringen relativ viele Studienanfängerinnen und -anfänger in dualen Studiengängen auf. Unterdurchschnittlich fiel jedoch der Anteil der Absolventinnen und Absolventen eines ingenieurwissenschaftlichen Studiums an allen Absolventinnen und Absolventen im Jahr 2024 aus. Mit 6,8 Prozent fiel die Relation der Absolventinnen und Absolventen in den Ingenieurwissenschaften zu den sozial-versicherungspflichtig beschäftigten Ingenieurinnen und Ingenieuren jedoch wiederum überdurchschnittlich aus (Bundesdurchschnitt: 4,6 Prozent). Die Ergebnisse für Thüringen müssen insgesamt hinsichtlich einer großen privaten Hochschule relativiert werden, von der ein großer Teil der Studierenden nicht in Thüringen wohnt, aber Thüringen in der Hoch-schulstatistik zugeordnet wird.
Förderinfrastruktur (BM 2026: 3. Platz): Beim Anteil der ganztags betreuten Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren erreichte Thüringen im Jahr 2025 einen Wert von 94 Prozent, während im Bundesdurchschnitt 48,2 Prozent aller Kinder dieser Altersgruppe ganztags betreut werden – Bestwert. Darüber hinaus wies Thüringen im Jahr 2024 mit 90,3 Prozent die dritthöchste Quote von Ganztagsschülerinnen und Ganztagsschülern im Grundschulbereich auf (Bundesdurchschnitt: 51,2 Prozent). Bei dem Anteil der Schülerinnen und Schüler an Ganztagsschulen im Sekundarbereich I erzielte Thüringen mit 19,8 Prozent jedoch einen unterdurchschnittlichen Wert (Bundesdurchschnitt: 48,6 Prozent). Wiederum höher aus als im Bundesdurchschnitt fiel im Jahr 2025 der Anteil des hochqualifizierten Personals am Ge-samtpersonal in Kindertageseinrichtungen aus (Thüringen: 10,9 Prozent; Bundesdurchschnitt: 7,4 Prozent). Zudem ist der Anteil der Ungelernten am Personal in den Kindertageseinrichtungen in Thüringen relativ gering (Thüringen: 0,8 Prozent; Bundesdurchschnitt: 2,4 Prozent).
Berufliche Bildung (BM 2026: 3. Platz): Der Übergang von der Schule in den Beruf gelingt in Thüringen nach wie vor relativ gut. Bei der Quote der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber erzielte Thüringen mit 5,6 Prozent den zweitbesten Wert aller Bundesländer (Bundesdurchschnitt: 10,4 Prozent). Die Erfolgsquote der Berufsschülerinnen und Berufsschüler in der dualen Ausbildung war in Thüringen im Jahr 2024 mit 87,3 Prozent leicht unterdurchschnittlich (Bundesdurchschnitt: 88,4 Prozent). Bei der Erfolgsquote bei den Prüfungen an Berufsfachschulen, Fachoberschulen und Fachschulen schnitt Thüringen jedoch wiederum besser ab als der bundesdeutsche Durchschnitt (Thüringen: 88,2 Prozent; Bundesdurchschnitt: 80,4 Prozent). Auch die Fortbildungsintensität fiel in Thüringen überdurchschnittlich aus. Von 1.000 Personen aus der Kohorte der 25- bis 40-jährigen Personen beendeten 6,6 im Jahr 2024 erfolgreich eine Fortbildungsprüfung (Bundesdurchschnitt: 4,7). Hier erreichte Thüringen wieder den zweitbesten Wert aller Bundesländer.
Ausgabenpriorisierung (BM 2026: 4. Platz): Thüringen weist Bildung im öffentlichen Ausgabeverhalten im Vergleich der Bundesländer eine relativ hohe Priorität zu. Die Relation der Bildungsausgaben pro Teilnehmerin und Teilnehmer zu den Gesamtausgaben der öffentlichen Haushalte pro Einwohnerin und Einwohner fällt bei den beruflichen Schulen besonders hoch aus. Thüringen steht hier jeweils an der Spitze der Bundesländer. Die Ausgaben pro Schülerin und Schüler an den Teilzeit-Berufsschulen sind mit 5.600 Euro in Thü-ringen beispielsweise 0,76-mal so hoch wie die staatlichen Gesamtausgaben pro Kopf in Höhe von rund 7.300 Euro, der Bundesdurchschnitt (4.700 Euro) lag bei 0,56.
Schulqualität (BM 2026: 4. Platz): In der aktuellsten IQB-Kompetenzerhebung aus dem Jahr 2024 für die Neuntklässlerinnen und Neuntklässler erzielte Thüringen in Mathematik und in den Naturwissenschaften einen überdurchschnittlichen Kompetenzwert; dies gilt auch, wenn nur die Gymnasien betrachtet werden. Im Vergleich zur Vorgängerbefragung sind in beiden Bereichen die durchschnittlichen Kompetenzen jedoch gesunken.
Integration (BM 2026: 15. Platz): Bei den IQB-Tests zu den Bildungsstandards für die Neuntklässlerinnen und Neuntklässler aus dem Jahr 2024 wies Thüringen im Vergleich zu den anderen Bundesländern einen etwas stärkeren Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Mathematik auf. Deutlich schlechter als der Bundesdurchschnitt schnitt das Land beim Anteil ausländischer Schulabgängerinnen und -abgänger ohne Abschluss ab (Thüringen: 35,7 Prozent; Bundesdurchschnitt: 20,0 Prozent). Thüringen weist hier den zweitschlechtesten Wert aller Bundesländer auf. Die Studienberechtigtenquote von ausländi-schen Schülerinnen und Schülern fiel an den allgemeinbildenden und auch an den berufsbildenden Schulen wiederum deutlich unterdurchschnittlich aus. Thüringen erzielte einen Wert von 6,6 Prozent bzw. 2,9 Prozent, während im Bundesdurchschnitt 8 Prozent bzw. 6,2 Prozent erreicht wurden. Bei den vergleichsweise schlechten Ergebnissen der ausländischen Schülerinnen und Schülern ist darauf hinzuweisen, dass unter diesen im Bundesvergleich viele Personen sind, die selbst als Jugendliche zugewandert sind und nicht direkt von frühkindlicher Förderung profitieren konnten.
Internationalisierung (BM 2026: 14. Platz): Der Anteil der Grundschülerinnen und Grundschüler mit Fremdsprachenunterricht fiel im Jahr 2024 mit 55 Prozent etwas höher aus als der bundesdeutsche Durchschnitt (51,7 Prozent). Beim Anteil der Berufsschülerinnen und Berufsschüler mit Fremdsprachenunterricht erzielte Thüringen dagegen einen unterdurchschnittlichen Wert (Thüringen: 38,6 Prozent; Bundesdurchschnitt: 49,9 Prozent). Zudem fielen in der IQB-Erhebung für die Neuntklässlerinnen und Neuntklässler aus dem Jahr 2022 die Englisch-Kompetenzen der thüringischen Schülerinnen und Schüler sowohl im Lesen als auch im Hörverständnis unterdurchschnittlich aus, haben sich aber im Vergleich zur Vorgängererhebung deutlich verbessert.
Zeiteffizienz (BM 2026: 14. Platz): Die Wiederholerquote in der Sekundarstufe I war im Jahr 2024 in Thüringen höher als in den meisten anderen Bundesländern. Sie betrug 3,4 Prozent und im Bundesdurchschnitt 2,6 Prozent. Ebenso fiel die Wiederholerquote in den Grundschulen höher als in vielen anderen Bundesländern (Thüringen: 0,7 Prozent; Bundesdurchschnitt: 0,5 Prozent). Zudem wurden relativ viele Kinder verspätet eingeschult. Weiterhin wurde auch beim Durchschnittsalter der Erstabsolventinnen und Erstabsolventen mit 27,4 Jahren ein schlechterer Wert als im Durchschnitt über alle Bundesländer (26 Jahre) erreicht.
Hier finden Sie alle Informationen über Thüringen. Laden Sie das komplette Profil und eine Tabelle mit allen Indikatoren und Vergleichswerten herunter.
Unser Dynamikranking vergleicht die Bundesländer nach den Veränderungen, die sich von 2013 zu 2026 in den Punktwerten ergeben.