Zeit zu wenden – Deutschlands Sozialstaat am Kipppunkt

Deutschland steht 2026 vor einer der größten sozial- und wirtschaftspolitischen Herausforderungen seit den Reformen der Agenda 2010. Nach sechs Jahren wirtschaftlicher Stagnation treffen geopolitische Unsicherheiten und rasanter Strukturwandel auf schrumpfende finanzielle Handlungsspielräume der Politik.

Besonders problematisch stellt sich die Situation in den Sozialversicherungen dar: Immer weniger Erwerbstätige müssen die Kosten für immer mehr ältere Menschen finanzieren. Deutschland gehört inzwischen zu den am stärksten alternden Volkswirtschaften der OECD. Prognos hat im Auftrag der INSM eine Bestandsaufnahme in Gesetzlicher Rentenversicherung (GRV), Gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) und Sozialer Pflegeversicherung (SPV) vorgenommen – mit Fokus auf den Status Quo, die Entwicklungen im Zeitverlauf und einen internationalen Vergleich.

Kernaussagen:
Kernaussagen zur Rente und Altersvorsorge
Kernaussagen zur Gesundheit
Kernaussagen zur Pflege

Ausgangslage: Die Demografie ist, wie sie ist: Altenquotient bis 2037 bei über 50

Der Altenquotient steigt seit Jahren deutlich an. Im Jahr 2000 kamen noch rund 27 ältere Menschen auf 100 Personen im Erwerbsalter. Heute sind es fast 39 und bis 2037 dürfte der Wert auf über 50 steigen.

Die Ursache ist bekannt: Die Babyboomer-Generation geht in den Ruhestand. Diese Entwicklung war seit Jahrzehnten absehbar. Genutzt wurde die Zeit jedoch kaum für nachhaltige Strukturreformen.

Steigende Beitragsbelastungen oder höhere Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt sind ohne strukturelle Reformen die mathematisch unvermeidliche Konsequenz. Die Frage, die die Politik beantworten muss, ist aus diesem Grund nicht ob, sondern wie sie auf diese Entwicklungen reagiert.

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Kernaussagen zur Rente und Altersvorsorge

Rentenbezugsdauer von 10,4 Jahren auf 20,5 Jahre verdoppelt

Die durchschnittliche Rentenbezugsdauer hat sich in Deutschland seit der Dynamisierung der Renten 1957 knapp verdoppelt: von damals 10,4 Jahren auf 20,5 Jahre im Jahr 2024. Gründe hierfür sind zum einen der Anstieg der ferneren Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren, zum anderen aber auch das durch die Frühverrentungspolitik der 1970er und 1980er Jahre gesunkene Rentenzugangsalter. Ohne weitere Maßnahmen ist damit zu rechnen, dass die Rentenbezugsdauer mittelfristig weiter analog zur steigenden Lebenserwartung zunimmt – um ca.1,2 Jahre pro Jahrzehnt. Dies setzt das Umlagesystem unter weiteren Druck.

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Die fehlenden Säulen: Private und betriebliche Rentenausgaben zuletzt bei nur 0,7 Prozent des BIP

Private und betriebliche Rentenausgaben lagen hierzulande am aktuellen Rand nur bei 0,7 Prozent des BIP. Damit liegen wir weit unter dem OECD-Durchschnitt von 1,3 Prozent. Unter den Ländern mit einer auf Freiwilligkeit beruhenden ergänzenden Altersvorsorge liegt Deutschland damit im Mittelfeld. Betrachtet man den Anteil an den Gesamtrentenausgaben beträgt der Anteil privater und betrieblicher Renten nur 6,4 Prozent. Im OECD-Durchschnitt sind es hingegen 18,3 Prozent (OECD, 2025a, Abbildung 8.1).

Im Vergleich zum BIP beträgt das Altersvorsorgevermögen in Deutschland Ende 2024 nur 6,4 Prozent des BIP. Hier ist der Unterschied zum OECD-Durchschnitt besonders eklatant. Dieser liegt nämlich bei 95,2 Prozent. Obwohl Deutschland die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt sind, liegt Deutschland damit im untersten Quintil aller OECD-Länder.

Kernaussage zur Gesundheit

Ausgaben Vizemeister, aber nur durchschnittliche Qualität bei Gesundheit

Betrachtet man die Gesundheitsausgaben in Relation zum BIP liegt Deutschland mit 12,3 Prozent deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 9,3 Prozent und belegt den zweiten Platz. Die hohen Ausgaben sind dabei nicht auf ein teures Preisniveau zurückzuführen. Vielmehr sind sie in der hohen Inanspruchnahme begründet, die knapp 40 Prozent über dem OECD-Mittel liegt (OECD, 2025b, Abbildung 7.7).

Trotz diesen hohen Ausgaben erreicht Deutschland bei gesundheitlichen Qualitätsmaßen im internationalen Vergleich nur Mittelmaß. Die Lebenserwartung beträgt rund 81 Jahre und liegt damit im OECD-Durchschnitt. Zuletzt hat sie stagniert oder ist sogar leicht zurückgegangen (OECD, 2025b). Auch bei vermeidbaren Sterbefällen rangiert Deutschland nur im OECD-Mittelfeld. Dies gilt genauso bei präventiv wie auch bei therapeutisch vermeidbaren Todesfällen.

Kernaussage zur Pflege

Im Durchschnitt doppelt so viele Betten je 1000 Einwohner – Ineffizienz in Strukturen und Mitteleinsatz

Das Gesundheitssystem in Deutschland ist überdurchschnittlich mit Ressourcen ausgestattet – und zwar in allen relevanten Bereichen: Auf 1.000 Einwohner kommen 4,7 Ärzte (OECD-Schnitt: 3,9), 12,2 Pflegekräften (EU-Schnitt: 8,6) und 7,7 Krankenhausbetten (OECD-Schnitt: 4,2).

Die hohe Ressourcenausstattung kann aber nur auf den ersten Blick über erhebliche Strukturprobleme hinwegtäuschen. Unter anderem steht der hohen Bettendichte ein ungünstiges Verhältnis von Pflegepersonal zu Betten gegenüber. Das ist ein Indiz für eine hohe Arbeitsbelastung und beeinträchtigt potenziell die Versorgungsqualität (OECD, 2025b). In die gleiche Richtung weist die ungleiche Verteilung von Ressourcen: Stadtstaaten und wirtschaftsstarke Flächenländer liegen mit ihrer Ressourcenausstattung weit über dem OECD-Schnitt. Ländliche Regionen wie Niedersachsen oder Brandenburg erreichen im Vergleich lediglich Durchschnittswerte (OECD, 2025b).

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Zahl der Pflegebedürftigen stark gestiegen und laut Prognosen weiter steigend: Auf bis zu 8,3 Millionen bis 2055

In Deutschland steigt die Anzahl Pflegebedürftiger deutlich schneller als lange prognostiziert wurde: Waren es 2015 noch 2,9 Millionen, waren es im jahr 2023 bereits 5,7 Millionen. Die Pflegequote, welche die Anzahl der Pflegebedürftigen pro 100 Einwohner ausdrückt, hat sich im selben Zeitraum von 3,2 Prozent auf 6,2 Prozent erhöht. Bis zum Jahr 2055 ist laut Statistischem Bundesamt mit einem weiteren Anstieg bis auf 6,8 bis 7,6 Millionen zu rechnen (Destatis, 2023). Eine Vorausberechnung der Studienautoren auf Basis der Pflegestatistik 2023 sowie der 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung ermittelt bis zum Jahr 2055 sogar einen Anstieg auf 7,6 bis 8,3 Millionen Pflegebedürftige.

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Leistungsausweitungen seit 2017 Haupttreiber der gestiegenen Kosten: 3,1 statt 1,8 Millionen Pflegebdürftige

Da Deutschland eine stark alternde Gesellschaft ist (siehe Kernergebnis 1), kann der Anstieg an pflegebedürftigen Personen für sich genommen nicht überraschen. Jedoch erklärt die Demografie nur einen kleinen Anteil des Anstiegs der letzten Dekade. Wichtiger war die Ausweitung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs durch das Zweite Pflegestärkungsgesetz (PSG II), das zum 1. Januar 2017 in Kraft trat. Die Ausweitung erhöhte die Zahl der Leistungsberechtigten spürbar: So nahm z.B. die positive Erstbegutachtungen mit Pflegegrad 1 von 256.000 im Jahr 2017 auf 392.000 im Jahr 2024 zu. Die Zahl der Pflegegeldbeziehern stieg von 1,8 auf 3,1 Millionen (Rothgang et al., 2025). Jedoch wurde nicht nur der Kreis der Anspruchsberechtigten kontinuierlich ausgeweitet. Auch Leistungshöhe und damit die stark gestiegenen Ausgaben der SPV seit den 2010er Jahren sind damit zu erklären.

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Quellen

Destatis (2023), Pflegevorausberechnung: 1,8 Millionen mehr Pflegebedürftige bis zum Jahr 2055 zu erwarten , Pressemitteilung Nr. 124 vom 30. März 2023, abgerufen am: 18.05.2026.

OECD (2025a), Pensions at a Glance 2025: OECD and G20 Indicators, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/e40274c1-en.

OECD (2025b), Health at a Glance 2025: OECD Indicators, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/8f9e3f98-en.

Rothgang, H. et al. (2025), BARMER Pflegereport 2025, Band 48.

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