10 Fakten zur Bildungspolitik in Deutschland
Deutschland steht durch den demographischen Wandel vor tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen. Die Erwerbsbevölkerung schrumpft, während die wirtschaftliche Lage sich weiter zuspitzt. Gleichzeitig verschlechtern sich zentrale Leistungsindikatoren des Bildungssystems. Der entscheidende Hebel für Produktivität, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit ist deshalb Bildung. Unsere Faktensammlung beschreibt die aktuelle Lage in der Bildungsrepublik Deutschland.
Bildungsinvestitionen als zentrale Voraussetzung für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Stabilität
Bildung steht im Zentrum mehrerer Politikfelder zugleich:
- Als Sozialpolitik entscheidet sie über Chancengerechtigkeit, Integration und gesellschaftliche Teilhabe.
- Als Innovationspolitik bestimmt sie, wie gut Deutschland auf Digitalisierung und Künstliche Intelligenz reagieren kann.
- Als Standortpolitik beeinflusst die Qualität und Leistungsfähigkeit des Bildungssystems die Attraktivität Deutschlands für internationale Fachkräfte, Studierende und Zukunftsbranchen.
- Als Arbeitsmarktpolitik sorgt sie dafür, dass die Erwerbstätigen in unserem Land mit der richtigen Aus- und Weiterbildung wertschöpfend tätig sein können.
Deutschland verfügt dabei über erhebliche ungenutzte Potenziale. Neben inhaltlichen Reformen müssen auch strukturelle Hemmnisse wie Lehrkräftemangel, bürokratische Hürden und Ineffizienzen im föderalen System überwunden werden. Ohne einen langfristigen Fokus auf Bildung droht Deutschland weiter an wirtschaftlicher Dynamik, Innovationsfähigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt zu verlieren. Bildungspolitik ist damit eine zentrale Zukunfts- und Produktivitätsfrage für den Standort Deutschland und essenziell für unseren nachhaltigen Wohlstand.
Fakt 1: Deutschland hinkt bei Bildungschancen und Kompetenzen hinterher
In den Bereichen Bildungschancen und Kompetenzen von Jugendlichen schneidet Deutschland im internationalen Vergleich sehr schwach ab. Besonders die Ungleichheit zwischen benachteiligten und privilegierten Familien ist gravierend. Jugendliche in der am stärksten benachteiligten Gruppe erreichen nur zu 46 Prozent die grundlegenden Kompetenzen, während es in der privilegiertesten Gruppe 90 Prozent sind. Insgesamt erreichen nur 60 Prozent der 15-Jährigen die Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik.
Fakt 2: Bundesländer zeigen große Unterschiede bei Bildungschancen
Nicht nur bei den Kompetenzen, auch bei der Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs zeigen sich Unterschiede zwischen Kindern aus benachteiligten Verhältnissen (weder ein Elternteil mit Abitur noch oberes Viertel der Haushaltseinkommen) und Kindern aus vorteilhaften Verhältnissen (mindestens ein Elternteil mit Abitur und/oder oberes Viertel der Haushaltseinkommen). Bundesweit besuchten 2018/19 nur 26,7 Prozent der Kinder aus benachteiligten Verhältnissen ein Gymnasium, bei Kindern aus privilegierten Familien sind es 59,8 Prozent. Besonders groß sind die Unterschiede in Bayern und Sachsen, während Berlin und Brandenburg die höchste Chancengleichheit in diesem Sinne aufweisen.
Fakt 3: Sprachkompetenz als entscheidender Bildungsfaktor in Deutschland
Zuwanderung aus dem Ausland kann in einer alternden schrumpfenden Gesellschaft zur Fachkräftesicherung beitragen, macht aber zugleich die Bedeutung früher Sprachförderung größer. Der INSM-Bildungsmonitor 2024 zeigt, dass Kinder mit geringeren Deutschkenntnissen bereits im Kindergarten und später in der Grundschule durchschnittlich niedrigere Kompetenzen aufweisen. Schüler mit ausländischer Staatsangehörigkeit verlassen häufiger die Schule ohne Abschluss oder lediglich mit Hauptschulabschluss. Zudem liegt der durchschnittliche Bruttostundenlohn bei schlechten Sprachkenntnissen um mehr als 7 Euro unter dem von Personen mit sehr guten Deutschkenntnissen.
Fakt 4: Ausgaben pro Schüler überdurchschnittlich, Leistung unter dem Schnitt
Deutschland gibt im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viel Geld pro Schüler aus. 2022 lagen die Ausgaben im Primarbereich mit 9.100 Euro pro Kind über dem OECD-Durchschnitt von 8.800 Euro, im Sekundarbereich mit 12.500 Euro sogar deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 9.200 Euro. Trotzdem sieht man in den letzten Jahren einen deutlichen Leistungsrückgang bei Kernkompetenzen. Während die Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften bei PISA 2018 noch signifikant über dem OECD-Durchschnitt lagen, gilt dies 2022 nur noch für die Naturwissenschaften. Geld allein ist keine Garantie für ein Bildungsniveau. Stattdessen kommt es auf intelligenten und effizienten Einsatz der Mittel an.
Fakt 5: Deutschland verliert Millionen potenzielle Fachkräfte schon im Bildungssystem
2024 verfügten in Deutschland 18,8 Prozent der 20- bis 34-Jährigen über keinen Berufsabschluss. Hochgerechnet betrifft das rund 2,76 Millionen junge Erwachsene. Damit geht Deutschland bereits im Bildungssystem ein erheblicher Teil potenzieller Fachkräfte verloren, noch bevor der Arbeitsmarkt erreicht wird. Im internationalen Vergleich steht Deutschland damit schlecht dar. Der Anteil der 25- bis 34-Jährigen ohne mindestens einen Pflichtschulabschluss ist im OECD-Durchschnitt rückläufig, während er in Deutschland seit 2019 gestiegen ist. Vor dem Hintergrund der schlechteren Arbeitsmarktchancen von Personen ohne Bildungsabschluss ist diese Entwicklung besonders kritisch (siehe Fakt 6).
Fakt 6: Wer wenig Bildung hat, bleibt häufiger ohne Job
Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Beschäftigungschancen: In Deutschland lag die Beschäftigungsquote für Menschen mit niedrigem Qualifikationsniveau 2024 bei nur 66 Prozent, während sie bei Personen mit mittlerem Bildungsabschluss 84 Prozent und bei Hochschulabsolventen 88 Prozent betrug. Bildung entscheidet damit über die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Eine stärkere Förderung geringqualifizierter Personen gilt daher als wichtiger Hebel gegen Fachkräftemangel und soziale Ungleichheit.
Fakt 7: Dauerbrenner Lehrkräftemangel
Lehrkräftemangel bleibt weiterhin aus Sicht der Schulleiter das größte Problem. Bereits seit 2018 wird er in der forsa-Umfrage „Die Schule aus Sicht der Schulleiterinnen und Schulleiter“ mit Abstand am häufigsten genannt. 2025 sehen 51 % der Schulleitungen den Mangel an Lehrkräften als größte Herausforderung an.
Fakt 8: Internationale Studenten für die öffentliche Hand ein Plusgeschäft
Internationale Studenten können einen positiven Beitrag gegen den Fachkräftemangel und für stabile öffentliche Haushalte leisten. Mit dem Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand entstehen wachsende Lücken auf dem Arbeitsmarkt, die ohne qualifizierte Zuwanderung kaum zu schließen sind. Allein der Studienanfängerjahrgang 2022 mit rund 79.000 internationalen Studenten kann laut IW Köln langfristig einen Überschuss von rund 15,5 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben erzeugen, wenn ein großer Teil nach dem Studium in Deutschland bleibt. Selbst bei einer niedrigen Bleibequote bliebe ein Plus von 7,36 Milliarden Euro für die öffentliche Hand übrig – mit positiven Effekten, die bereits kurzfristig sichtbar werden. Internationale Studenten stärken damit nicht nur Hochschulen und Innovation, sondern auch Wachstum, Fachkräftesicherung und Wohlstand in Deutschland.
Fakt 9: Schulen hinken der digitalen Realität hinterher
Digitale Medien, Social Media und KI sind fester Bestandteil des Alltags und Lernens von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. In einer Studie von Bitkom zu digitaler Schule aus dem Jahr 2025 wollte kein einziger befragter Schüler vollständig auf digitale Geräte im Unterricht verzichten.
Dieser hohen Nachfrage steht kein entsprechendes schulisches Angebot an digitalem Unterricht gegenüber. Themen wie Datenschutz, Quellenprüfung, Fake News oder der verantwortungsvolle Umgang mit KI werden von Schülern deutlich stärker nachgefragt als sie tatsächlich im Unterricht vorkommen. Auch kreative und technische Fähigkeiten wie Video-, Audio- oder Grafikproduktion spielen bislang nur eine geringe Rolle.
Fakt 10: Bildungsflickenteppich
Die Länder besitzen beim Thema Bildung Kulturhoheit: Schulen, Lehrpläne, Abitur und Lehrerausbildung werden von ihnen bestimmt. Dies führt zu 16 unterschiedlichen Schulsystemen. Um in diesem Bildungsflickenteppich eine gewisse Vergleichbarkeit zu gewährleisten, koordinieren sich die Länder über die Kultusministerkonferenz (KMK). Dies gelingt nicht im ausreichenden Maße: Unterschiedlich gute Bildungschancen pro Bundesland, Mobilitätshindernisse beim Umzug und ineffiziente Entscheidungsmechanismen sind nur ein paar der vielen Beispiele dafür.
Ausgewählte Quellen
Fakt 2: ifo Institut: Bildungschancen unterscheiden sich deutlich zwischen den Bundesländern (Mai 2024)
Fakt 3: INSM-Bildungsmonitor 2024: Herausforderungen im Bildungssystem wachsen
Fakt 4: Statista: Entwicklung der Ausgaben je Schüler an öffentlichen Schulen in Deutschland (März 2025), OECD: Education at a Glance 2025, Statistisches Bundesamt: PISA-Studie 2022
Fakt 5: BMBFSFJ: Berufsbildungsbericht 2026, OECD: Education at a Glance: Germany 2025
Fakt 6: Statistisches Bundesamt: Internationale Bildungsindikatoren im Ländervergleich 2025
Fakt 7: Forsa: Die Schule aus Sicht der Schulleiterinnen und Schulleiter (Oktober 2025)
Fakt 8: IW: Internationale Studierende stärken öffentliche Finanzen und Wachstum (März 2025)
Fakt 9: Bitkom e. V.: Digitale Schule 2025
Fakt 10: KMK: Vereinbarung über die Schularten und Bildungsgänge im Sekundarbereich I, 2022
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