10 Fakten zur Arbeitsmarktpolitik in Deutschland

Der Arbeitsmarkt entscheidet über Wachstum, Wohlstand und die Finanzierung unseres Sozialstaats. Fachkräftemangel und der demographische Wandel machen ihn zu einer der zentralen Zukunftsfragen für Deutschland. 

Arbeitsmarktpolitik ist Wohlstandspolitik

Wir sind mitten in der größten Wirtschaftskrise seit 1945, das zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt. Erstmals seit über 15 Jahren liegt die Zahl der Arbeitslosen wieder bei rund drei Millionen. Gleichzeitig leidet der deutsche Arbeitsmarkt an Fachkräftemangel. Diese paradoxe Entwicklung wird vom demographischen Wandel weiter verschärft. Er bedeutet nicht nur steigende Sozialbeiträge und wachsenden Reformdruck auf das Rentensystem. Vor allem entzieht er unserer Volkswirtschaft einen zentralen Produktionsfaktor: Menschen im erwerbsfähigen Alter. Die absehbare Folge ist konkret Knappheit und Rationierung von Wohlstand. Deswegen muss alles unternommen werden, was das produktive Arbeitsvolumen und unser Erwerbspersonenpotenzial erhöht. Es gibt drei zentrale Stellschrauben: 

1. Das Potenzial im Inland mobilisieren:

Mehr Menschen in Arbeit und mehr Arbeitsvolumen ermöglichen, etwa durch bessere Kinderbetreuung, stärkere Anreize für Vollzeitarbeit, längere Erwerbstätigkeit Älterer sowie bessere Chancen für junge Erwachsene ohne Berufsabschluss. 

2. Das Potenzial im Ausland gezielt anziehen:

Qualifizierte Arbeitskräfte schneller integrieren und internationale Studierende stärker an den Standort Deutschland binden. 

3. Arbeitsmarktinstrumente modernisieren:

KI und die Transformation als Chance nutzen, Regulierung zielgenau einsetzen und mehr Flexibilität bei Arbeitszeiten und Befristungen ermöglichen. 

Ein funktionsfähiger Arbeitsmarkt, der das verfügbare Potenzial seiner Angehörigen entfaltet, ist das A&O für einen nachhaltigen Wohlstand, der unser System finanzieren kann. 

Die folgende Faktensammlung zeigt, in welcher Verfassung der Arbeitsmarkt ist, wie er sich entwickeln wird und wie es um die möglichen Lösungsansätze bestellt ist, um die drohenden Wohlstandsverluste zu verhindern. 

Fakt 1: Der deutsche Arbeitsmarkt gerät unter Druck

Nach einem fast beispiellosen Aufschwung auf dem deutschen Arbeitsmarkt mit einem Rückgang der Arbeitslosenzahl von 4,9 Millionen im Jahr 2005 auf 2,3 Millionen im Jahr 2019 kommt jetzt die Wirtschaftskrise auch auf dem Arbeitsmarkt an. Die Arbeitslosenzahl schwankt seit Sommer 2025 konstant um die 3-Millionen-Marke. Das entspricht in diesem Zeitraum einer Arbeitslosenquote zwischen 6,1 und 6,6 Prozent. Zudem lässt der demographische Wandel absehbar unser Erwerbstätigenpotenzial schrumpfen. Damit entwickelt sich der Arbeitsmarkt gedämpft und ohne die Dynamik der Vorjahre. 

Fakt 2: Job-Mismatching

Die Arbeitslosenzahlen sind hoch, obwohl es laut Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im ersten Quartal 2026 bundesweit 1,15 Millionen offene Stellen gab. Damit ergab sich eine Relation aus 264 gemeldete Arbeitslose auf 100 offene Stellen – 13 Arbeitslose mehr als im Vorjahresquartal. Der Anstieg dieses Verhältnisses drückt rein numerisch aus, dass es für Arbeitgeber leichter sein sollte, Stellen zu besetzen – während die Konkurrenz unter Arbeitnehmern zunimmt. Dies lässt unberücksichtigt, ob die Arbeitslosen den Anforderungen der offenen Stellen entsprechen. Häufig bestehen erhebliche Unstimmigkeiten zwischen Qualifikationen, Regionen und Anforderungen der Unternehmen. 

Fakt 3: Kurzarbeit: Hemmnis für Transformation

Infolge des Corona-Lockdowns waren im Frühjahr 2020 bei den Arbeitsagenturen Kurzarbeitsanzeigen für bis zu 10,7 Millionen Beschäftigte eingegangen. Kurzarbeit erwies sich damals wie heute als ein zentrales Instrument, um konjunkturelle Einbrüche abzufedern und Entlassungen zu vermeiden. Die Zahl der angemeldeten Beschäftigten in Kurzarbeit ist in den Jahren nach der Pandemie jedoch nicht auf das Niveau von davor zurückgekehrt. 

Gerade in Zeiten des zunehmenden Strukturwandels und des zunehmenden Fachkräftemangels verursacht Kurzarbeit hohe Kosten und verschiebt notwendigen Personalabbau in schrumpfenden Branchen und Personalaufbau in wachsenden Branchen. 

Fakt 4: Befristung als Einstieg in Arbeit

Eine befristete Beschäftigung ist häufig ein Einstieg in den Arbeitsmarkt. Dabei werden laut einer IW-Studie 56 Prozent aller Befristeten nach drei Jahren in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen. 

Die Befristungsquote ist seit 1991 von 5,9 Prozent auf 7,0 Prozent in 2024 gestiegen. Zudem ist befristete Beschäftigung nach wie vor in Unternehmen mit konstanter oder wachsender Belegschaft als Flexibilisierungsinstrument häufiger zu finden als in schrumpfenden Betrieben. Befristungen sind als wichtiges Flexibilisierungsinstrument zu erhalten und spezifisch weiterzuentwickeln. Die von der Bundesregierung geplante Ausweitung der sachgrundlosen Befristung sollte zügig gesetzlich umgesetzt werden. 

Fakt 5: Verhindert der Mindestlohn den Jobeinstieg für Geringverdiener?

Der Mindestlohn wurde 2015 in Höhe von 8,50 Euro eingeführt. Weil die wirtschaftliche Lage lange sehr gut war und Mindestlohnanhebungen von der Mindestlohnkommission an der Tariflohnentwicklung orientiert wurden, hielten sich die negativen Beschäftigungseffekte weitgehend in engen Grenzen. Bei der Anzahl der Minijobs allerdings ist der Effekt des Mindestlohns mit einem Rückgang deutlich erkennbar.  

Mit dem Mindestlohnerhöhungs-Gesetz im Juni 2022 wurde das erste Mal in den zuvor regelbasierten Prozess der Mindestlohnfestsetzung politisch eingegriffen und der Mindestlohn für Oktober 2022 auf 12 Euro gesetzt. Nach Anpassungen in den Jahren 2024 und 2025 ist der Mindestlohn nach großem politischem Druck zum 1. Januar 2026 erneut deutlich auf 13,90 Euro gestiegen und soll 2027 auf 14,60 Euro steigen. In Anbetracht der schlechten Wirtschaftslage muss zwischen dem Schutz von Arbeitsplätzen und der Verbesserung der Einkommensbedingungen stärker abgewogen werden. 

Fakt 6: Durch Teilzeit verlieren wir in Deutschland großes Arbeitskräftepotenzial

Deutschland verfügt über ein erhebliches ungenutztes Arbeitskräftepotenzial. Rund 17 Millionen Menschen arbeiteten 2025 in Teilzeit, womit die Teilzeitquote erstmalig über der 40-Prozent-Marke lag. Schon eine Erhöhung der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit um zwei Stunden könnte das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt nach fünf Jahren um 1,3 Prozent und nach zehn Jahren um 3,4 Prozent steigern. Eine stärkere Ausweitung der Arbeitszeit ist damit nicht nur ein wirksames Mittel gegen den Fachkräftemangel, sondern auch ein Beitrag zur sozialen Sicherung. Um dies zu erreichen, sind zum einen die institutionellen Rahmenbedingungen, insbesondere die Kinderbetreuung, zu verbessern, zum anderen müssen bessere finanzielle Anreize (siehe Fakt 7) gesetzt werden. 

Fakt 7: Steuern belasten Arbeit

Zusätzliches Arbeitseinkommen wird in Deutschland weiterhin stark durch Steuern und Sozialabgaben belastet. OECD-Berechnungen zeigen Jahr für Jahr, dass Deutschland hier trauriger Vizeweltmeister ist, nur noch übertroffen von Belgien: Ein durchschnittlicher alleinstehender Arbeitnehmer ohne Kinder stemmt in Deutschland eine Steuer- und Abgabenlast von 49,3 Prozent. Und auch das jüngst beschlossene „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ der Bundesregierung bringt hier keine Kehrtwende und lässt spürbare Steuerentlastungen vermissen. Diese Struktur setzt Fehlanreize: Für Voll- und Teilzeit beschäftigte lohnt sich ein steuer- und abgabenbegünstigter Nebenjob oft mehr als Mehrarbeit im Hauptberuf.

Fakt 8: Rente & Demographischer Wandel

Trotz Zuwanderung schrumpft das Erwerbspersonenpotenzial aufgrund des demographischen Wandels spürbar: 2024 waren in Deutschland rund 24Prozent der Erwerbstätigen zwischen 55 und 64 Jahre. Dieses Viertel steht unmittelbar vor der Rente: bis 2039 wird erwartet, dass 31 Prozent aller Erwerbspersonen aus 2024, insgesamt 13,4 Millionen Menschen, das gesetzliche Rentenalter von 67 Jahren überschritten haben. Hinzu kommt eine vorzeitige Verrentung von 44 Prozent der Babyboomer-Jahrgänge 1954 bis 1957. Ein immer kleinerer Teil der Bevölkerung wird also künftig für immer mehr Menschen Rente zahlen, die immer länger Rente beziehen. Eine höhere Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer ist aufgrund der demographischen Entwicklung daher unverzichtbar.  

Fakt 9: Fachkräftezuwanderung für unseren Wohlstand

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die Erwerbsmigration nach Deutschland zu vereinfachen, wurde im März 2020 das Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG) verabschiedet. Trotz positiver Entwicklung seit Inkrafttreten bleibt das FEG hinter seinen Möglichkeiten zurück, um den Effekten der Bevölkerungsalterung entgegenzuwirken und das Erwerbspersonenpotenzial zu stabilisieren. Berechnungen des IAB zufolge kamen durch das FEG im Jahr 2022 10.500 zusätzliche neue erwerbsbezogene Aufenthaltstitel dazu, sodass insgesamt 54.294 erwerbsbezogene Titel ausgestellt wurden. Dabei wäre eine Nettozuwanderung von rund 400.000 Personen bis 2060 jährlich notwendig, um die erwerbstätige Bevölkerung konstant zu halten. 

Fakt 10: Nimmt uns KI unsere Jobs weg?

Im Rahmen von Sonderfragen der monatlichen Konjunkturumfragen des ifo Instituts gaben im Jahr 2025 41 Prozent der befragten Unternehmen an, Künstliche Intelligenz (KI) zu nutzen. 2023 lag dieser Anteil noch bei 13,3 Prozent. 

Durch eine steigende Arbeitsproduktivität, neue Berufsfelder und Materialeinsparungen könnte einer Studie des IAB zufolge der KI-Einsatz ein zusätzliches jährliches Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 0,8 Prozentpunkten erzeugen. Trotz vielfacher Befürchtungen werde sich die absolute Zahl der Beschäftigten voraussichtlich nicht stark verändern. Gleichwohl sei auf Branchenebene aber mit einer Verschiebung der Anforderungen und Qualifikationen zu rechnen, weshalb Weiterbildung im Umgang mit KI zunehmend entscheidend sein wird. 

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