Wohlstand für Junge: Warum die Berliner Republik endlich einen neuen Ruck braucht
Unter jungen Menschen verschiebt sich gerade etwas Grundlegendes. Nimmt man die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zum Maßstab, ist die politische Mitte für die junge Generation ziemlich unattraktiv geworden. Zwei Drittel der 18- bis 25-Jährigen wählten AfD, Linke oder BSW. Gleichzeitig gibt es einen bundesweiten Trend, dass junge Menschen ihre berufliche und familiäre Zukunft immer häufiger im Ausland sehen.
Beides gehört zusammen. Wer sich von der Mitte entfremdet, wählt die Ränder oder packt die Koffer. Man kann sich das Vertrauen zwischen Bürger und politischer Ordnung wie ein Bändchen vorstellen, und besonders bei den Jungen ist eben dieses Vertrauensbändchen zunehmend überlastet oder gerissen.
Auf der Suche nach dem Warum lohnt der Blick in den Rückspiegel. Zwar ist uns eine Krise wie die von 1929 bislang erspart geblieben, aber die internationale Ordnung wird wieder brüchiger und eine nie gekannte Frequenz von globalen Schocks setzen Wirtschaft und Demokratie zu. Eine neue globale Finanzkrise kann jederzeit dazukommen, etwa durch eine platzende KI-Blase oder die hohe Verschuldung vieler westlicher Staaten. Anstatt wie gelähmt zuzuschauen, sollten wir die verbleibende Zeit nutzen und uns Resilienz anzutrainieren und deutlich besser gewappnet zu sein als 1929.
Um der jungen Generation eine bessere Zukunft zu geben und sie von ihrem Land wieder zu überzeugen, brauchen wir ein systematisches Vorgehen, das sich an der langen Frist ausrichtet. Denken wir an einen Arztbesuch. Am Anfang steht die Anamnese, in der der Patient schildert, wie er seine Lage erlebt. Es folgt eine Diagnose, die den Ursachen auf den Grund geht. Und schließlich eine Therapie, die zeigt, unter welchen Bedingungen der Patient – ganz im Sinne der Resilienz – wieder mit therapiebedingten Optimismus nach vorne federn kann.
Zur Anamnese: Die Generation Corona verdient besonders viel Empathie. Ihr ganzes Leben ist von Krisen geprägt, die sich wie Scheiben eines Burgers übereinanderstapeln, der mit jeder neuen Lage höher und wackliger wird. Besonders die Pandemiejahre haben viele als tiefen Einschnitt erlebt, weil sie den Eindruck hatten, die Politik kümmere sich nur um die Älteren. Die Rückkehr zum Wachstumspfad ist gescheitert, hinzu kamen geopolitische Spannungen, die täglich Sorgen um die eigene Zukunft nähren.
Was das konkret bedeutet, zeigt die Geschichte von Tomasz und Eric. Sie steht stellvertretend für viele junge Leistungsträger, deren Vertrauensbändchen zu reißen droht. Beide sind 25 Jahre alt, seit der Schulzeit befreundet und leben in Sachsen. Tomasz, dessen Eltern in den 1990er Jahren aus Breslau nach Leipzig kamen, hat einen Master in Wirtschaftswissenschaften und war mehrfach im Ausland. Eric lebt im ländlichen Westsachsen und steht als Handwerker kurz vor seinem Meister. Er engagiert sich in der Freiwilligen Feuerwehr, die weite Welt reizt ihn wenig, mit der englischen Sprache tut er sich schwer.
So verschieden die beiden sind, es eint sie neben ihrer Freundschaft das Fremdeln mit der politischen Mitte und dem eigenen Land. Bei der Bundestagswahl 2021 wählte Tomasz noch die Grünen und Eric die FDP. Vier Jahre später stimmte Tomasz für die Linke und Eric für die AfD. Tomasz ist zunehmend fasziniert von der neuen Dynamik in der Heimat seiner Eltern und überlegt nach Breslau zu ziehen. Eric ärgert sich über die vielen Schlaglöcher, die seinem Transportwagen zusetzen, die aber bei Aufträgen in Tschechien kaum zu finden sind – er könnte doch auch dort seinen Betrieb führen.
Mit diesen Gedanken sind sie nicht allein. Rund 300.000 Deutsche verlassen jedes Jahr das Land, dazu 800.000 bis 900.000 Ausländer. Und es zieht die Menschen längst nicht mehr nur in reiche Länder: Inzwischen wandern mehr Menschen von Deutschland nach Polen, Rumänien und Bulgarien aus als umgekehrt.
Zur Diagnose: Bei aller Komplexität sehen wir ein sich verschlechterndes Preis-Leistungsverhältnis des Staates und eine mangelnde Dynamik. Wer für einen Trabi zahlt und einen Trabi erhält, wie in Bulgarien, fühlt sich nicht über den Tisch gezogen. In der Schweiz zahlt man für einen Daimler und erhält auch einen. Der deutsche Staat aber verlangt Daimler-Preise und liefert immer öfter Trabi-Qualität. Gleichzeitig stagniert Deutschland seit fast zehn Jahren in der ökonomischen Entwicklung bei trüben Zukunftsaussichten, während Länder wie Polen und Tschechien mehr als nur aufholen. Sie sind kaufkraftbereinigt dabei, Länder wie Spanien hinter sich zu lassen. Die Überlegungen sind von Tomasz und Eric sind also nicht unbegründet.
Nun zur Therapie: Roman Herzog hat schon 1997 in seiner „Ruck-Rede“ davor gewarnt, dass wirtschaftlicher Stillstand und gesellschaftliche Erstarrung Hand in Hand gehen. Heute ist ein neuer Ruck nötig, und die Älteren müssen ihn mittragen. Ohne ein gutes Leben für die Jungen fehlen dem Land Beitragszahler, Innovationen und Kinder. Den Jüngeren wiederum sei gesagt: Eure Skepsis ist verständlich, aber sie muss nicht in Resignation oder Abschied enden. Man muss also nicht Generationen gegeneinander ausspielen, um das Land zukunftsfähig zu machen.
Wird das Wohl der jungen Generation zum Maßstab politischen Handelns, richtet sich Politik stärker an der langen Frist aus als an der nächsten Wahl. In einer resilienten Sozialen Marktwirtschaft ist „Wohlstand für Junge“ die Voraussetzung für „Wohlstand für alle“. Erhards Versprechen bleibt nur dann einlösbar, wenn die Jugend aus der Mitte wieder überzeugende Antworten bekommt.
Dabei muss der Staat natürlich nicht alles selbst bereitstellen, im Gegenteil, oft ist es klug, den Markt und die Zivilgesellschaft miteinzubeziehen. Außerdem braucht es einen kulturellen Wandel, der jungen Menschen vermittelt, dass sich Leistung auszahlt und ihr Wagemut geschätzt wird.
So wie Ludwig Erhards „Wohlstand für alle“ zu einem gemeinsamen Narrativ in der Bonner Republik wurde, kann „Wohlstand für Junge“ einem von Krisen gebeutelten Land wieder seine Resilienz zurückgeben. Es liegt an der politischen Mitte, einen neuen „Ruck“ zu erzeugen. Noch ist es nicht zu spät.
Dieser Essay beruht auf dem Buch „Wohlstand für Junge: Wie wir verhindern, dass unsere Kinder das Land verlassen“, das am 14. September im Verlag Herder erschienen ist.
Autor:

Prof. Dr. Stefan Kolev ist seit 2023 der wissenschaftliche Leiter des Ludwig-Erhard-Forums für Wirtschaft und Gesellschaft in Berlin. Seit 2025 ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beraterkreis des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie
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