Ungleiche Startchancen: Was der neue Chancenmonitor zur Bildungsgerechtigkeit zeigt
Die Soziale Marktwirtschaft setzt auf das Zusammenspiel von Eigenverantwortung und Wettbewerb mit Chancengerechtigkeit und sozialem Ausgleich. Darum sollte sie allen Menschen zu dem Zeitpunkt, an dem sie beginnen, selbständig über ihren Lebensweg zu entscheiden, möglichst gleiche Startchancen offenhalten. Insofern hat der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium Bildungsgerechtigkeit als „Kernelement der Sozialen Marktwirtschaft“ bezeichnet. Unser Gesellschaftssystem sollte alle Menschen – unabhängig von Umständen wie Geschlecht oder familiärem Hintergrund – zu eigenverantwortlicher Teilhabe am Markt und an der Gesellschaft befähigen.
Im neuen Chancenmonitor, den wir am ifo Zentrum für Bildungsökonomik im Auftrag von „Ein Herz für Kinder“ erstellt haben, berechnen wir, wie (un)gleich die Bildungschancen der Kinder in Deutschland verteilt sind – zwischen Kindern aus verschiedenen Familien und zwischen Mädchen und Jungen. Wenn diese Umstände, die die Kinder nicht selbst wählen können, die Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung und zur gesellschaftlichen Teilhabe einschränken, wird die Idee der Chancengerechtigkeit verletzt.
Der Chancenmonitor misst die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind ein Gymnasium besucht, in Abhängigkeit von Geschlecht und verschiedenen Dimensionen des familiären Hintergrunds. Selbstverständlich ist es nicht für jedes Kind die beste Bildungsentscheidung, auf ein Gymnasium zu gehen. Aber die Chance darauf sollte nicht von Herkunft oder Geschlecht eines Kindes abhängen. Das Abitur eröffnet einen leichten Zugang zu allen weiterführenden Bildungswegen. Menschen mit Abitur verdienen zudem im Durchschnitt monatlich netto 42% mehr als Menschen ohne Abitur. Insofern ist der Gymnasialbesuch ein aussagekräftiges Maß für die sozialen und wirtschaftlichen Chancen eines Kindes. Für unsere Analysen nutzen wir die Daten des Mikrozensus 2022 (der Welle, die zum Zeitpunkt unserer Analysen die aktuell verfügbare war), in der wir knapp 68.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 10-18 Jahren beobachten.
Bildungsungleichheit nach sozialer Herkunft
Der Chancenmonitor dokumentiert eine mehrfache Ungleichheit der Bildungschancen. So liegt die Gymnasialwahrscheinlichkeit in der am meisten benachteiligten Herkunftsgruppe – Kinder mit Eltern ohne Abitur aus dem untersten Einkommensviertel ohne Migrationshintergrund – bei unter 17%. Im Gegensatz dazu liegt sie in der privilegiertesten Gruppe des familiären Hintergrunds – Kinder mit Eltern mit Abitur aus dem obersten Einkommensviertel mit Migrationshintergrund – bei über 80%.
Bei der Betrachtung des familiären Hintergrundes fallen Bildung und Einkommen der Eltern deutlich stärker ins Gewicht als Migrationshintergrund und Alleinerziehendenstatus.
Zwischen den vorliegenden Ergebnissen und denen der ersten Ausgabe des Chancenmonitors (auf Basis von Daten von 2019) liegt die Zeit der Corona-Pandemie, die alle Kinder und Familien stark belastet hat. Trotz Einschränkungen der Vergleichbarkeit aufgrund von methodischen Veränderungen im Mikrozensus zeigt der Vergleich eine qualitativ ähnliche Sachlage bezüglich der Chancengleichheit im Bildungssystem. Insgesamt hat sich die Ungleichheit der Bildungschancen in Deutschland über die drei Jahre weiter verfestigt.
Bildungsungleichheit nach Geschlecht
Darüber hinaus haben Jungen systematisch geringere Bildungschancen als Mädchen. Während 43,5% der Mädchen ein Gymnasium besuchen, sind es nur 36,9% der Jungen – ein Rückstand von 6,6 Prozentpunkten. Dieser Rückstand der Jungen findet sich in allen Gruppen des familiären Hintergrunds, ist aber in den obersten Bildungs- und Einkommensgruppen etwas geringer ausgeprägt. Allerdings verstärkt er sich im Verlauf der Schulzeit und beträgt im Alter von 16-18 Jahren sogar fast 10 Prozentpunkte. Und wenn man Geschlechter- und Herkunftsunterschiede kombiniert, reicht die Wahrscheinlichkeit des Gymnasialbesuchs von 14% bei Jungen in der untersten Gruppe bis zu über 82% bei Mädchen in der obersten Gruppe.
In den 1960er Jahren wurde der Bildungsrückstand von Mädchen als eine Dimension der mehrdimensionalen Benachteiligung in der Kunstfigur des „katholischen Arbeitermädchens vom Land“ betont. Im Gegensatz zur verfestigten Benachteiligung nach der sozialen Herkunft hat sich das Geschlechterverhältnis mittlerweile umgekehrt. Die Bildungsprobleme der Jungen dürften zunehmend Konsequenzen für ihre Lebenschancen haben. Mangelnde Bildungskompetenzen werden sich bei jungen Männern etwa in schlechteren Erwerbsmöglichkeiten am Arbeitsmarkt und erhöhten Kriminalitätsrisiken widerspiegeln.
Handlungsoptionen für mehr Chancengleichheit
Die Ungleichheit der Bildungschancen ist keineswegs unumstößlich: Die Forschung belegt, dass zahlreiche bildungspolitische Maßnahmen starke positive Effekte auf die Bildungs- und Lebenschancen benachteiligter Kinder haben. Dazu reichen Maßnahmen mit der Gießkanne allerdings zumeist nicht aus: Die benachteiligten Kinder müssen gezielt gefördert werden.
Um die Bildungschancen für sozial benachteiligte Gruppen zu verbessern, braucht es mehr frühkindliche Bildungsangebote, eine stärkere Unterstützung der Familien, gute Lehrkräfte an Schulen mit vielen Kindern aus benachteiligten Verhältnissen, mehr kostenfreie Nachhilfeprogramme, ein späteres Aufteilen der Kinder in verschiedene Schularten und mehr Mentoring-Programme.
Handlungsempfehlungen für bessere Chancen für Jungen sind mehr männliche Erzieher und Lehrkräfte, eine stärkere Beachtung von Geschlechterstereotypen in Unterricht und Erziehung, eine frühere Förderung der Lesekompetenzen und der Selbstregulation von Jungen, mehr Elternarbeit und eine außerschulische Stärkung der Bildungsaspiration von Jungen.
Wenn wir als Gesellschaft allen Kindern unabhängig von Herkunft und Geschlecht möglichst gleiche Startchancen ermöglichen wollen, damit sie ihr Potenzial voll entfalten können, sollten wir diese Handlungsoptionen beherzt angehen.
Autoren
Prof. Dr. Ludger Wößmann leitet das ifo Zentrum für Bildungsökonomik und ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Vera Freundl, Franziska Pfaehler, Florian Schoner und Olesia Tsaberiaba sind Mitarbeitende am ifo Zentrum für Bildungsökonomik.
Die Studie
Wößmann, Ludger, Vera Freundl, Franziska Pfaehler, Florian Schoner, Olesia Tsaberiaba (2026). Der Chancenmonitor von ifo und „Ein Herz für Kinder”: Große Bildungsunterschiede nach sozialer Herkunft – Jungen seltener auf dem Gymnasium. ifo Schnelldienst digital, 7 (5).
Autoren:

Prof. Dr. Ludger Wößmann leitet das ifo Zentrum für Bildungsökonomik und ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Vera Freundl ist Mitarbeiterin im ifo Zentrum für Bildungsökonomik.

Franziska Pfaehler ist Mitarbeiterin im ifo Zentrum für Bildungsökonomik.

Dr. Florian Schoner war Mitarbeiter im ifo Zentrum für Bildungsökonomik.

Olesia Tsaberiaba ist Doktorandin im ifo Zentrum für Bildungsökonomik.
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