Und immer Streit um die „Rente mit 63“ – Warum nahezu alle Ökonomen für ihre Abschaffung sind
Es gibt wohl wenige Rentenreformen, über die in den letzten Jahren so viel gestritten wurde, wie über die abschlagsfreie „Rente mit 63“ nach 45 Beitragsjahren. Der Streit schien beendet und entschieden, nachdem die Rentenkommission der Bundesregierung geschlossen dafür votierte, sie auslaufen zu lassen. Doch nun flammt er wieder auf, nachdem die drei ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten Voigt, Kretschmer und Schulze in einem gemeinsamen Papier forderten, sie beizubehalten.
Unterstützung bekamen sie von SPD-Generalsekretär Klüssendorf und SPD-Ministerpräsidentin Anke Rehlinger – nachdem ihre Partei- und Amtskollegin Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern schon direkt nach Verkündigung des Kommissionsberichts öffentlich dagegen Stellung bezog. Die Fraktionsvorsitzenden der Regierungskoalition im Bundestag halten dagegen: Der Rentenkompromiss sei ein Gesamt-Kunstwerk, das komplett umgesetzt werden solle. Interessant daran: Der Streit ist ein rein politischer. In der Ökonomenzunft herrscht seltene Einigkeit – von Clemens Fuest bis Marcel Fratzscher: Die „Rente mit 63“ soll abgeschafft werden.
Zeit für eine kritische Bestandsaufnahme der kursierenden Argumente.
Hauptargument der Befürworter der „Rente mit 63“ ist ein moralisches Gerechtigkeitsargument. Sie vertreten die Meinung, dass 45 Beitragsjahre „genug“ seien, um abschlagsfrei in Rente zu gehen. Sie argumentieren, dass es um die Anerkennung von Lebensleistung gehe. Dies kann man so vertreten, die Frage lautet nur: Warum sind gerade 45 Jahre genug, um angemessenen Respekt vor Lebensleistung zu zeigen? Warum nicht 46? Oder nur 44?
Es gibt kein allgemeingültiges Urteil darüber, wie viele Beitragsjahre „genug“ sind. Es handelt sich dabei immer um eine subjektive politische Entscheidung, die mit Blick auf die Gesamtsituation zu treffen ist. Und zu dieser tragen neben der Anzahl der Beitragsjahre noch viele weitere Aspekte bei. Um nur einige wenige zu nennen: Wie viele Beitragszahler tragen eine Altersrente? Wie entwickelt sich die Rentenbezugsdauer (also wie lange beziehen Rentner durchschnittlich ihre Rente vom Renteneintritt bis zu Tod)? Wie hoch sind die Renten- und sonstigen Abgaben, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu zahlen haben und die die volkswirtschaftlichen Belastungen des Faktors Arbeit ausmachen?
Allein die Antworten auf diese drei Fragen zeigen, dass das deutsche Rentensystem unter gehörigem Druck steht. Aufgrund des demografischen Wandels tragen immer weniger Beitragszahler eine Altersrente. Auch werden diese immer länger bezogen. Und die Gesamtsozialversicherungsbeiträge sind schon weit entfernt von dem 40-Prozent-Ziel, das die Politik viele Jahre lang verfolgt und erreicht hat.
Aus diesem Grund soll das deutsche Rentensystem nach Willen der Rentenkommission umgebaut und um Kapitaldeckung in der Gesetzlichen Rente ergänzt werden. Um dies zu finanzieren und den weiteren Anstieg der Rentenbeiträge zu begrenzen, sollen u.a. Frühverrentungsanreize wie die „Rente mit 63“ abgeschafft werden, weil diese das System weiter verteuern. Laut Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Bund haben im vergangenen Jahr 28,3 Prozent aller Neurentner die Möglichkeit der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren genutzt (Löhr, 2026). Ihre Abschaffung würde laut Bertelsmann Stiftung gesamtfiskalische Einsparungen von knapp 10 Mrd. Euro je Geburtsjahrgang ermöglichen (Bach et al., 2026). Eine große Summe, die für einen Umbau der Rente genutzt werden könnte.
Vermutlich liegt hier der Grund für die seltene Einigkeit unter den Ökonomen. Die Ökonomie ist die Wissenschaft vom effizienten Einsatz von Gütern zur bestmöglichen Bedürfnisbefriedigung in einer Gruppe von Menschen, z.B. in einem Haushalt oder einer Volkswirtschaft. Die „Rente mit 63“ verursacht hingegen hohe Kosten für die Allgemeinheit – es profitiert aber nur eine relativ kleine Gruppe, die noch dazu überdurchschnittlich gut situiert sind.
U.a. der Sachverständigenrat weist darauf hin, dass die Profiteure der „Rente mit 63“ überdurchschnittlich häufig über stabile Erwerbsbiografien, einen guten Gesundheitszustand und vergleichsweise hohe Einkommen verfügen (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, 2023). Insofern ist sie also keine Unterstützung für sozial Benachteiligte und auch nicht für körperlich stark belastete Berufsgruppen, wie auch oftmals zu hören ist. Besonders geprägt hat dieses Argument die frühere Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, die oft von Dachdeckern wie ihrem Vater sprach.












