Diese Verlagerungseffekte könnten in besonders starkem Maße auftreten, falls es in Zukunft ein alle Sektoren umfassendes Emissionshandelssystem geben sollte. Eine zeitliche Verschiebung der Treibhausgasneutralität wäre auch deshalb geboten, weil eine effektive Klimapolitik, die etwas im globalen Maßstab bewirkt, nur in internationaler Kooperation möglich ist, nicht aber im nationalen Alleingang (Ockenfels, Schmidt 2019). Angesichts der mit einer zeitlich sehr ambitionierten Klimapolitik einhergehenden Herausforderungen stellt sich die Frage, warum Deutschland die damit verbundenen Risiken und Kosten eingehen sollte, wenn die daraus resultierenden Treibhausgaseinsparungen im globalen Maßstab betrachtet allenfalls geringe Wirkungen erzielen können, da der aktuelle Anteil Deutschlands am globalen Treibhausgasausstoß gerade einmal noch 1,2 Prozent beträgt und voraussichtlich allein deshalb weiter sinken wird, weil die globalen Emissionen tendenziell weiter steigen.
Diese Frage stellt sich umso mehr, als die Vorreiterrolle gravierende kontraproduktive Rückwirkungen für Deutschland haben kann, allen voran den möglichen Verlust an gesellschaftlicher Akzeptanz für die Klimapolitik. Darüber hinaus wird ein Teil der hierzulande eingesparten Emissionen durch Produktionsverlagerung in andere Regionen der Welt gelenkt (Frondel 2026, Abschnitt 5). Nationale Ziele wie das deutsche Treibhausgasneutralitätsziel sind auch deshalb wenig effektiv.
Viel wichtiger noch als die Angleichung der Zieljahre, in denen Deutschland und die Europäische Union die Treibhausgasneutralität erreichen wollen, wäre zum einen die glaubhafte und weltweit wahrnehmbare Reformulierung der Klimaneutralitätsziele als konditionierte Ziele, die Deutschland und die Europäische Union nur dann mit Nachdruck verfolgen werden, wenn auch entsprechende Minderungsanstrengungen durch die internationale Staatengemeinschaft erfolgen, nicht zuletzt durch China, dem mit Abstand größten Emittenten von Treibhausgasen. Als Rezept für eine wirkungsvolle Klimapolitik empfahlen Ockenfels und Pahle (2025) erst kürzlich: „Die EU müsste ihre im Kern auf die eigene Zielerreichung fokussierte Klimapolitik überwinden und den Schwerpunkt deutlich stärker auf internationale, reziprok durchsetzbare Klimaabkommen legen.“
Zum anderen ist es entscheidend, auf welche Weise das Ziel der Klimaneutralität verfolgt wird. So sollte weitaus stärker als bislang beachtet werden, dass das Ziel der Nettotreibhausgasneutralität nicht bedeutet, dass Deutschland seine Treibhausgasemissionen restlos bis zur letzten Tonne verringern muss. Stattdessen können die in Deutschland auf teure Weise zu vermeidenden Emissionen andernorts durch Emissionseinsparungen ausgeglichen werden, sowie durch negative Emissionen, welche zum Beispiel aus Aufforstung resultieren. Es ist daher zu begrüßen, dass die jüngste Vereinbarung zum EU-Klimaschutzziel für das Jahr 2040 die Möglichkeit beinhaltet, „hochwertige internationale Gutschriften zu verwenden, um die bis 2040 gegenüber dem Stand von 1990 um 90 % reduzierten Treibhausgasemissionen mit einem angemessenen Beitrag von bis zu 5 % zu erreichen“ (Europäische Kommission 2025).
Es wäre vor diesem Hintergrund ökonomisch rational, internationale Gutschriften und die Möglichkeiten zur Erzeugung negativer Emissionen nicht allein dazu zu verwenden, um in Deutschland sehr schwer vermeidbare Emissionen auszugleichen, weil die letzten Prozentpunkte auf dem Weg zur Klimaneutralität mit sehr hohen Vermeidungskosten verbunden sein dürften. Vielmehr sollten sie in großem Maßstab ergriffen werden, anstatt weiterhin die Emissionen vor allem in Deutschland und Europa zu senken, wenn die mit diesen beiden Optionen einhergehenden Emissionsvermeidungskosten deutlich niedriger ausfallen als die Kosten nationaler Emissionsreduktionsmaßnahmen.
Würde in der Klimapolitik dieser Weg der kooperativen Emissionsvermeidung über nationale und europäische Grenzen hinweg beschritten, würde man zugleich wichtige Schritte in Richtung eines effektiven internationalen Klimaschutzabkommens zurücklegen. Mit einem solchen Abkommen könnten die weltweiten Emissionen eines Tages womöglich sogar tatsächlich einmal verringert werden. Stattdessen die Emissionen weiterhin vorwiegend in Deutschland und Europa verringern zu wollen, ist nicht nur unnötig teuer. In Bezug auf die weltweite Emissionsvermeidung ist dies ineffektiv, wenn nicht gar kontraproduktiv.
Es ist daher höchste Zeit, dass Deutschland seinen nationalen Fokus bei der Treibhausgasvermeidung aufgibt und anerkennt, dass es zur Lösung des Klimaproblems eines globalen Blickwinkels und einer effektiven internationalen Kooperation bedarf. Nationale Alleingänge hingegen können sogar hinderlich sein bei der Lösung des fundamentalen Problems der mangelnden internationalen Kooperation, die für eine effektive Minderung der globalen Treibhausgasmenge unabdingbar ist. Die Lösung dieses Kooperationsproblems muss daher für die Klimapolitik Deutschlands oberste Priorität haben, nicht das Setzen immer ambitionierterer unkonditionierter Klimaziele.