Schnelles Denken als Weg in die Sackgasse
Es ist immer einfacher zu kritisieren, als es besser zu machen. Millionen Menschen sitzen nicht nur beim Fußball als selbsternannte Bundestrainer vor den Bildschirmen, sondern auch bei Fragen der Wirtschaftspolitik als Hobbykanzler.
In seinem Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“ zeigt der Nobelpreisträger Daniel Kahneman eindrucksvoll, wie unser Gehirn dazu neigt, vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Er unterscheidet zwischen System 1 und System 2. System 1 steht für spontanes, intuitives Denken. Es liebt einfache Geschichten und glasklare Schlussfolgerungen. System 2 hingegen steht für komplexes, analytisches Denken. Es ist anstrengend, setzt bewusste Aktivierung voraus und arbeitet deutlich langsamer. Kein Wunder, dass es in der schnelllebigen Politikdebatte so selten zu Wort kommt.
Wer sich nicht auskennt, wird leicht vereinnahmt von Argumenten, die dem intuitiven Denken entspringen. Ein gutes Beispiel ist die Kontroverse um das Ehegattensplitting. Leicht setzt sich die Meinung durch, dass die höhere Besteuerung des kleineren Einkommens – oft das der Ehefrau – diskriminierend sei und dass es dafür eine einfache Lösung gebe.
Mit etwas Hintergrundwissen und einer Portion System-2-Denken zeigt sich jedoch: Das vermeintlich Offensichtliche führt in ein komplexes Feld der Sozialpolitik, nämlich zur ehelichen Solidargemeinschaft. Dieses Prinzip begründet die gemeinsame Veranlagung. Ehepartner gelten als wirtschaftliche Einheit, nicht als zwei Einzelpersonen mit Steuervorteil. Dieses Prinzip durchzieht viele Mechanismen der Sozialpolitik, vom Bürgergeld bis zur Witwenrente. Wenn der Staat die Ehepartner steuerlich nicht gemeinsam betrachtet, warum sollte er dann eine Witwenrente zahlen?
Unser sozialpolitisches System basiert auf der Vorstellung, dass die Ehe eine lebenslange wirtschaftliche Gemeinschaft begründet. Das mag altmodisch wirken und ist diskussionswürdig. Aber wer allein das Ehegattensplitting herausgreift, übersieht die dahinterliegende Vision. Was wir häufiger diskutieren sollten, ist genau diese Vision und nicht nur ein Detail, das kurzfristig für kognitive Dissonanz sorgt.
Ein Leitstern für die große Reform
Unsere Neigung zu schnellem Denken lässt sich kaum abstellen, aber wir können lernen, besser mit ihr umzugehen. Gerade in Zeiten tiefgreifender Umbrüche brauchen Menschen Orientierung. Genau diese Orientierung fehlt derzeit. Visionen für die Zukunft können diesen Leitstern liefern.
Visionen sind Vorstellungen einer wünschenswerten Zukunft, die zugleich Restriktionen und Zielkonflikte ernst nehmen. Alternative Visionen spiegeln unterschiedliche Annahmen und Wertvorstellungen wider. Mit ihnen lassen sich gedanklich Bilder über die Zukunft malen. Damit eignen sie sich hervorragend für eine aufgeklärte öffentliche Debatte.
So wie ein Galerist eine Ausstellung so kuratiert, dass die Werke zueinander passen, lassen sich einzelne Visionen zu einem stimmigen Gesamtbild verbinden. Über diese Gesamtbilder sollten wir im öffentlichen Diskurs streiten. Ganzheitliche Visionen erlauben dann den Fachleuten im wirtschaftspolitischen Maschinenraum, Rahmenbedingungen zu entwerfen, die auf dieses Bild einzahlen. Die Vision dient als Leitstern für die umfassende Reformagenda, die Deutschland so dringend braucht.
Vision der Wissensgesellschaft
Bismarck sah die Verwerfungen der Industrialisierung und entwickelte die Vision eines Sozialstaats, geprägt vom Bild des Fabrikarbeiters am Fließband. Die Ergebnisse seiner Reformen prägen unsere soziale Marktwirtschaft bis heute, obwohl das damalige Zukunftsbild weder zur Gegenwart noch zur Zukunft passt.
Wer heute eine Vision der Wissensgesellschaft entwirft, in der gut qualifizierte Menschen selbstbestimmt und mit Freude hochproduktiven Tätigkeiten nachgehen, wird kaum zu dem Schluss kommen, dass unsere Institutionen der sozialen Absicherung noch zeitgemäß sind.
Dass dies keine weltfremde Spinnerei ist, zeigt ein Blick in die Schweiz. Hochinnovative Unternehmen siedeln sich dort an, weil sie Rahmenbedingungen vorfinden, die ihnen erlauben, die mit Innovation verbundenen höheren Risiken einzugehen. Dazu gehört, dass sie ihren Mitarbeitenden vergleichsweise leicht kündigen können. Trotzdem weist die Schweiz keine prekäre hire-and-fire Kultur oder eine dramatisch höhere Arbeitslosigkeit auf.
Der starke Kündigungsschutz hierzulande und die hohen Restrukturierungskosten für Unternehmen passen zum alten Bild industrieller Fließbandproduktion. Sie passen jedoch nur begrenzt zu Hightechunternehmen, die sich in dynamischen Technologiefeldern bewegen und sich schnell an neue Entwicklungen anpassen müssen. Wenn wir eine Vision der Wissensgesellschaft ernst nehmen, werden wir auch über solche ordnungspolitischen Fragen neu sprechen müssen.
Mit Reformen die Herzen der Wähler gewinnen
Die Vision der Wissensgesellschaft ist nur eine von vielen möglichen Visionen. Im Buch „Visionen braucht das Land“, das im Januar im Verlag Herder erscheint, entwerfe ich unter anderem eine Vision für den globalen Klimaschutz, eine Vision der Innovationsnation und eine Vision für ein resilientes Deutschland. In einer lebendigen Demokratie sollten wir kontrovers, aber konstruktiv darüber streiten, welcher dieser Leitsterne unser Land prägen soll.
Eine visionsgeleitete Politik sollte sodann unser wirtschaftspolitischen Durchwursteln ersetzen, in der Politiker nach der nächsten Schlagzeile haschen und Reformkommissionen folgenlos Stichpunktlisten ausarbeiten. Stattdessen braucht es eine klare Vision, die Orientierung gibt. Auf dieser Grundlage können die Experten dann eine große Reformagenda ausarbeiten.
Wer Orientierung bietet und eine überzeugende Vision als Leitstern formuliert, kann auch mit tiefgreifenden Veränderungen die Herzen der Wähler gewinnen. Viele Menschen sind eher bereit, schmerzhafte Reformen zu tragen, wenn sie verstehen, welcher Zukunft sie damit den Weg ebnen.