Soziales Kinder, Krippe, Karriere

Die Politik hat die Familie neu entdeckt. In den kommenden sechs Jahren soll das Angebot an Betreuungsplätzen für die unter Dreijährigen verdreifacht werden. Das ist ein ehrgeiziges Ziel. Das Krippengesetz und das Betreuungsgeld werden dabei das Leben in Deutschlands Familien nachhaltig verändern.

Die Politik hat die Familie neu entdeckt. In den kommenden sechs Jahren soll das Angebot an Betreuungsplätzen für die unter Dreijährigen verdreifacht werden. Das ist ein ehrgeiziges Ziel. Das Krippengesetz und das Betreuungsgeld werden dabei das Leben in Deutschlands Familien nachhaltig verändern.

Der gesellschaftliche Wandel wird zwar nicht unbedingt sofort von heute auf morgen überall und in jedem Haushalt spürbar werden. Doch ohne Zweifel erhält die Veränderung durch die beiden familienpolitischen Großprojekte - Ausweitung der Kinderbetreuung und das Betreuungsgeld - einen nachhaltigen Schub.

In der alten (west-)deutschen Bundesrepublik gab es jahrzehntelang einen stillschweigenden Konsens darüber, dass Kleinkinder in den ersten drei Jahren in der Familie betreut werden sollten. Dies war nicht zuletzt das Gegenmodell zu den staatlichen Kinderkrippen, die in der DDR üblich waren. An der Selbstverständlichkeit, mit der Kleinkinder in Kitas gebracht werden, hat sich jedoch auch seit der Vereinigung nichts verändert. Ganz im Gegenteil: Heute sind die Kommunalpolitiker im Westen in der Defensive, weil sie nicht ein ebenso großes Betreuungsangebot für Kleinkinder bereitstellen. Denn auch in den alten Ländern wollen immer mehr Mütter ihren Beruf nach der Geburt eines Kindes nicht für mehrere Jahre unterbrechen. Die Nachfrage nach den knappen Betreuungsplätzen ist um ein Vielfaches höher als das Angebot.

Um den Müttern bei ihrem Wunsch nach Erwerbstätigkeit zu helfen, will die Bundesregierung jetzt vier Milliarden Euro zahlen, damit Städte und Gemeinden die Versorgungslücke bei der Kindergartenbetreuung schließen. Es ist das erklärte Ziel der neuen Familienpolitik unter Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, die Vereinbarkeit von Kind und Karriere zu verbessern. Die Berufstätigkeit der Mütter soll vom Staat sogar aktiv gefördert werden. Das neue Elterngeld von bis zu 1800 Euro monatlich dient dem Zweck, die Babypause der Mütter zu verkürzen. Schließlich wurde das frühere Erziehungsgeld bis zu zwei Jahre lang gezahlt, wohingegen die neue Lohnersatzleistung auf ein Jahr beschränkt ist. Zwei weitere Monate gibt es nur, wenn auch der Vater eine berufliche Auszeit nimmt.

Noch ist es in den alten Bundesländern die Ausnahme, dass Eltern mit kleinen Kindern beide Vollzeit arbeiten. Doch das wird sich aller Voraussicht nach schon bald ändern. Das Vorbild der großen Koalition ist dabei Frankreich, wo Ganztagsbetreuung von der Krippe bis zur weiterführenden Schule die Regel ist. Zudem betont Familienministerin von der Leyen, dass "frühkindliche Bildung" die Startchancen der Kinder besonders aus sozial schwachen Elternhäusern oder Migrantenfamilien verbessere.

Eine andere Frage ist, wie es den kleinen Kindern bei der frühen Trennung von den Eltern ergeht. Damit die Schwächsten nicht die Verlierer des gesellschaftlichen Wandels sind, muss viel mehr über die Qualität statt nur über die Quantität der Betreuung in Kindergärten und -krippen geredet werden. Denn die allermeisten der Kindertagesstätten genügen bei Weitem nicht den von Experten empfohlenen Mindeststandards: Die Gruppen sind zu groß, die Erzieherinnen nicht ausreichend für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren ausgebildet. Es bleibt also noch viel zu tun.