Standpunkt Chancen oder Neue Grenzen des Wachstums? – verträgliches Wachstum für das 21. Jahrhundert
"Dieser Tage erleben wir, dass die Debatte um Klima- und Umweltschutz am Abendbrottisch der Durchschnittsfamilie angekommen ist.", Dr. Eberhard von Koerber, Co-Präsident des Club of Rome und Botschafter der INSM, spricht über die Chancen oder die neuen Grenzen des Wachstums.
Sehr geehrte Damen und Herrn,
dieser Tage erleben wir dass die Debatte um Klima- und Umweltschutz am Abendbrottisch der Durchschnittsfamilie angekommen ist. Der Klima-Gipfel in Bali wird mit internationalen "Licht-aus"-Aktionen, wie am vergangenen Wochenende von vielen Menschen intensiv verfolgt. Vor zehn Jahren war das noch anders: die Kyoto-Konferenz wurde bestenfalls von einer kleinen Gruppe Interessierter und von Umweltaktivisten intensiv verfolgt.
Die heutige Situation, was Umweltschutz, Wachstum und Ressourcenverbrauch betrifft, ist noch komplexer als vor zehn Jahren: Den rasanten Aufstieg der Schwellenländer und ihren Rohstoffhunger hat in diesem Ausmass kaum jemand vorher gesehen. Ebenso unvorhersehbar, wie positiv ist die Mobilisierung der öffentlichen Meinung für den Klimaschutz.
So stehen wir vor der zentralen Frage, ob und wie heute auf globaler Ebene Wachstum, Klimaschutz, Ressourceneffizienz und sozialer Ausgleich miteinander verbunden werden können. In den vergangenen Jahren hat sich die breite gesellschaftliche Debatte um Wachstum vor allem auf das "wie viel" konzentriert: Wie viel mehr an Wertschöpfung können Unternehmen, einzelne Märkte oder die globale Wirtschaft jetzt und künftig erzielen?
Diese Wahrnehmung ist aus der Gesamtsicht aber nicht unproblematisch. Die Verfechter eines rein outputorientierten, jährlich gemessenen Wachstums sehen sich deshalb in der Öffentlichkeit gerechtfertigter Kritik ausgesetzt. Im Grunde greift die Frage nach dem genauen "wie viel" an Wachstum auch viel zu kurz. - Und legt die wirtschaftspolitische Zielsetzung über das "wie viel" an Wachstum letztlich ausserhalb der Reichweite von Planern in Politik und Notenbanken, bei aller Wichtigkeit einzelstaatlicher, regionaler oder internationaler Gesetze oder Vereinbarungen.
Wozu also brauchen wir Wachstum? Wir brauchen Wachstum weil die Welt nicht fertig ist. Sie ist geprägt von konstantem Wandel, von Erneuerung und Entwicklung. Menschen streben nach Einkommen und materieller Sicherheit. Entwicklungs- und Schwellenländer streben nach materiellem Wohlstand, wollen zu den Industrieländern aufschliessen und sie, wie am Beispiel Chinas sichtbar, überholen. Die grossen Volkswirtschaften Europas, allen voran Deutschland und Frankreich, streben nach geringerer Arbeitslosigkeit durch mehr Aufträge und damit mehr Beschäftigung. Der globale Klimawandel und regionale Rohstoffabhängigkeiten machen neue Anstrengungen für eine langfristig stabile wirtschaftliche Entwicklung notwendig.
Unter den Möglichkeiten, die nötigen Ressourcen für diesen Wandel bereit zu stellen, kommt dem Wachstum eine herausragende Rolle zu.
Alle Versuche, Wohlstand ohne Wachstum zu mehren oder die Gewinne aus Wachstum über ein gewisses, allgemein akzeptiertes Mass hinaus umzuverteilen, haben bisher immer in Misserfolgen, oft in Katastrophen geendet.
Wir haben es mit Menschen zu tun, die sich nur ungern durch Umverteilung Vermögen und Einfluss nehmen lassen. In unserer realen Welt muss der Kuchen größer werden, um bei wachsender Weltbevölkerung mehr verteilen zu können.
Das Streben nach Wachstum und damit Wohlstand ist an sich nichts Verwerfliches. Es ist Teil des "pursuit of happiness", des Strebens nach Glück, wie es in der amerikanischen Verfassung als Grundrecht verankert ist. In Deutschland machte Ludwig Erhard das Ergebnis dieses Strebens nach Wachstum zum Slogan: "Wohlstand für Alle".
Das alles ist aber kein Plädoyer für Wachstum um jeden Preis. Es wäre unsinnig und verwerflich, Wachstum auf Kosten von unmenschlichen Arbeitsbedingungen in Niedriglohnländern zu erzielen. Genauso grenzt es an Ausbeutung, wenn in den Industrieländern für Vollzeitarbeit mancherorts Löhne unter Sozialhilfeniveau gezahlt werden. Wer heute nicht erneuerbare Ressourcen bis an die Grenze des technisch Machbaren ausbeutet, wird morgen mit Knappheit und steigenden Preisen konfrontiert. Einige Beispiele aus der aktuellen Globalisierungsdebatte verdeutlichen dies:
Mit 4,1 Millionen verkauften Einheiten wurden im Jahr 2006 in China erstmals mehr Personenfahrzeuge abgesetzt als im Autoland Deutschland. Weltweit dürften im Jahr 2007 fast 50 Millionen Neuwagen verkauft werden.
Die meisten europäischen Autobauer werden jedoch ihre Verpflichtung, den CO2-Ausstoss pro Auto und Kilometer bis 2008 auf 140g zu reduzieren, nicht erfüllen.
Nach Angaben des Vizechefs des staatlichen chinesischen Umweltamtes verursachen Umweltverschmutzung und übermässiger Ressourcenverbrauch in China schon heute geschätzte jährliche Kosten von 200 Milliarden US-Dollar. Das sind zehn Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung der chinesischen Volkswirtschaft. Bezieht man diese Kosten in Chinas volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein, so hat das Land derzeit praktisch ein Nullwachstum.
Schon diese wenigen Zahlen und Fakten verdeutlichen, dass unsere Welt von dynamischen, komplexen, nicht-linearen Entwicklungen geprägt ist. Auf globaler Ebene sind Wirtschaftswachstum, Kapitalmärkte, Politik, die Verfügbarkeit von Ressourcen, Umweltprobleme und soziale Faktoren auf komplexe Weise miteinander verknüpft. All diese Systeme beeinflussen sich auf lange Sicht wechselseitig.
Schon 1972, vor über 35 Jahren, versuchte der Club of Rome, die Wechselwirkungen von Wachstum, Wohlstand und Ressourcenverbrauch in einem komplexen, systemischen Regelkreislauf darzustellen. Ergebnis dieses Experiments war der Report "Die Grenzen des Wachstums" (engl. "Limits to Growth").
Schon die "Grenzen des Wachstums" wiesen auf die Gefahr einer drohenden Erderwärmung in Verbindung mit steigenden CO2-Emissionen hin. Was die Verfasser von Limits to Growth 1972 aufgrund ungenauer Messergebnisse und fehlender Vorhersagemodelle nur vermuten konnten, ist seit dem vergangenen Jahr im Report des Wirtschaftsberaters der britischen Regierung, Nicholas Stern klar nachzulesen: die Erderwärmung wird mindestens 5% der weltweiten Wirtschaftsleistung kosten, wenn nicht unverzüglich gegengelenkt wird.
Die Klimaerwärmung ist damit ein Hauptrisiko für langfristiges und stabiles globales Wachstum.
Die Nicht-Regierungsorganisation Global Footprint Network erklärte kürzlich den 9. Oktober 2006 zum World Overshoot Day, dem Tag, an dem der globale ökologische "Fussabdruck" der Menschheit erstmals grösser war als das Fassungsvermögen unseres Planeten. Das Szenario des "Overshoot" kommt auch in den Computermodellen von Limits to Growth und seinen Nachfolgestudien vor. Die wahrscheinlichste Reaktion auf overshoot ist collapse, der rasche und unaufhaltsame Niedergang natürlicher Ressourcen. Schnelles Handeln in Sachen Klimaschutz und Ressourcenverbrauch ist also nötiger denn je.
Der historisch hohe Ölpreis und die immer wieder zu Tage tretenden Rohstoffabhängigkeiten besonders in Europa sollten genutzt werden, um alternative Energiekonzepte, ressourcenschonende Produktionsverfahren und low-carbon Technologien zu fördern.
In der aktuellen Umweltdebatte müssen wir aber aufpassen, die positiven Effekte des Wachstums nicht zu kurz kommen zu lassen: Im Jahr 2003 lebten in Asien noch immer 621 Millionen Menschen in extremer Armut (=weniger als 1 US-Dollar pro Tag), dennoch waren das nach Angaben der Asian Development Bank 300 Millionen Menschen weniger als noch 1990. Kaum jemand würde allen Ernstes behaupten, das diese Entwicklung auf westlicher Entwicklungshilfe beruht. Vielmehr wird sie von der Dynamik der Globalisierung getragen. Die Weltbank sagt voraus, dass das globale pro-Kopf Einkommen von heute 4.800 US-Dollar auf 11.000 im Jahr 2030 klettern wird. All dies sind Symptome dafür dass die Globalisierung in den vergangenen Jahren noch an Tempo gewonnen hat und weiter gewinnen wird.
Dieses Wachstum ist ein langfristiger Prozess: Der Ausbau von Infrastruktur und Bildungssystem, zwei der grössten Trumpfkarten der entwickelten Länder, dürfte in den heute aufstrebenden Volkswirtschaften noch Jahrzehnte dauern. Erst für das Jahr 2030 sagt die Weltbank China einen mit Mexiko oder der Türkei vergleichbaren Lebensstandard voraus. Auch die neuen Wirtschaftswunderländer haben also noch lange mit ganz realen Problemen zu kämpfen.
Trotzdem bleibt unbestritten, dass es in Ländern wie Deutschland weiterhin Druck auf Arbeitsplätze in gewissen Breichen geben wird. Sowohl für einfache Tätigkeiten in der Industrie als auch digitalisierbare Jobs im Dienstleistungsbereich werden weiter in den globalen Verlagerungssog geraten. Der vietnamesische Fabrikarbeiter und indische Webdesigner werden auf absehbare Zeit billiger bleiben als ihre deutschen Kollegen. Umso wichtiger wird es für Länder wie Deutschland, sich auf die eigenen Kompetenzen zu besinnen: hervorragende Bildung, gute Infrastruktur, führende Wettbewerbspositionen in vielen Bereichen von Wissenschaft und Technologie.
Insbesondere ist Deutschland heute Weltmarktführer im Bereich der Umwelttechnologie und der alternativen Energien. Technologische Innovationen und komplexes Systemwissen gewinnen für Länder wie Deutschland immer mehr an Bedeutung, denn vor allem sie generieren high-tech Produkte und hoch spezialisierte Dienstleistungen mit hohem Mehrwert und Wachstumspotenzial. Der viel zitierte Ausspruch von Bundspräsident Horst Köhler kann kaum oft genug wiederholt werden: Wir müssen um so viel besser sein wie wir teurer sind.
Weltweit gilt: Wer keinen Anteil am Wachstum hat, der bremst Veränderungen und hat kein Interesse an wirtschaftlicher Freiheit. Wachstum kann und muss deshalb auch sozial sein und die Teilhabe vieler am Wohlstand sichern
Um die Chancen des Wachstums bestmöglich nutzen zu können, braucht es effektive überstaatliche und staatliche Rahmenbedingungen. Die Anforderungen an die öffentliche Verwaltung sind mit der Globalisierung rapide gewachsen. Vielerorts wird die Tragweite heutiger Entscheidungen für die Zukunft noch nicht voll wahrgenommen.
So wurde vielfach lobend bemerkt, dass das deutsche Staatsdefizit im Jahr 2006 auf 2,0 Prozent des BIP gesunken sei und damit seit langem wieder unter der im Maastricht-Vertrag erlaubten Maximalverschuldung läge. Dabei wird gerne übersehen, dass der Staat bei zwei Prozent Defizit für jeden Euro, den er ausgibt, nur 98 Cent einnimmt und der Schuldenberg weiter wächst. Wann aber, wenn nicht bei guter Wirtschaftslage und sinkender Arbeitslosigkeit sollen diese Schulden abgebaut werden? Werden künftige Generationen vor einem kaum lösbaren Schuldenproblem stehen, dass ähnliche Wirkungen haben wird wie die Versäumnisse im Rentensystem? Gerade die junge Generation würde in diesem Fall wahrscheinlich mit den Füssen abstimmen: Schon im vergangenen Jahr kehrten rund 145.000 Deutsche ihrem Land den Rücken - 60 Prozent mehr als noch zu Anfang der 1990er Jahre.
Zur Gestaltung von verträglichem Wachstum gehört auch eine realistische Einschätzung des eigenen Wachstumspotenzials. Für entwickelte Länder wie Deutschland oder Frankreich wäre es utopisch, dauerhaft auf Wachstumsraten jenseits von zwei bis drei Prozent im Jahr zu hoffen. Ein moderates Wachstum ist hier angemessen, um technologischen Wandel voranzutreiben, die nächste Generation auszubilden und die Infrastruktur zu erhalten.
Schwellen- und Entwicklungsländer hingegen müssen ihr Wachstum in einen wirtschaftlichen und sozialen Aufholprozess umsetzen, ihren Wohlstand steigern und Kapital für Zukunftsinvestitionen in Infrastruktur, Bildung, Klimaschutz und die alternde Gesellschaft bilden. Wachstum in einer langfristigen Bandbreite von sechs bis acht Prozent jährlich scheint für diese Zwecke angemessen und verträglich. Ist es weniger, verlangsamt sich der Aufholprozess, wird es mehr, treten insbesondere die kritischen ökologischen Effekte von Wachstum immer stärker in den Vordergrund und können sogar wegen ihrer Unverträglichkeit zu negativem Wachstum führen, insbesondere durch Inflation und Überhitzung.
Die Freiheit und die Verantwortung, verträgliches Wachstum zu gestalten trifft Staaten, Unternehmen, internationale Institutionen und jeden Einzelnen. Die to-do-Liste für die globalen Wachstumsgestalter ist lang. Immer aber werden einige wenige Prioritäten ganz oben stehen: An Klimaschutz und Ressourcenschonung etwa werden wir in noch weit längeren Zeithorizonten denken müssen - hier wird unser Handeln von heute erst in 30, 50 oder 100 Jahren seine volle Wirkung entfalten - im positiven wie im negativen Sinne.
Die Chancen des Wachstums bedingen die Einsicht in die Grenzen des Wachstums.
Dieses Statetement hielt INSM-Botschafter Eberhard von Koerber zur Vorstellung des Buches "Chancen des Wachstums". Mehr zu diesem Buch und zur Pressekonferenz der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) finden Sie hier oder auf amazon.de.
Abonnieren Sie die RSS-Feeds der Initiative
Lesen Sie alle Publikationen der INSM auf Scribd
-
24. Mai 2013
5 vor 10: Wirtschaftsverfassung, Währungskrieg, Moral, Leistungsbilanzen, Freiheit
Warum die europäische Wirtschaftsregierung keine besonders gute Idee ist, wann der Weltwirtschaft ein Währungskrieg droht und warum die Moral auf ...
-
23. Mai 2013
5 vor 10: Mindestlohn, Informationsaustausch, Zinspolitik, Cent-Münzen, Bier
Die schädliche Wirkung eines Mindestlohns, das nahende Ende des Bankgeheimnisses in Europa und die Niedrigzinspolitik der EZB sind heute Themen in ...
-
22. Mai 2013
5 vor 10: Aufwertung, Ikea, Europa, Banken, Südamerika
Heute in den Linktipps: Eine kurze Online-Vorlesung über die Rückkehr zur D-Mark, ein gefälschtes Ikea-Haus in China und eine Debatte über die ...
-
24. Mai 2013
Niedrige Zinsen durchkreuzen Eigenvorsorge
Das Gespenst der Altersarmut bemühen etliche Politiker vor Bundestagswahlen gerne, um sich mit Rezepten dagegen zu empfehlen. Dieses Gespenst kann ...
-
23. Mai 2013
Steuern: Der Bürger zahlt gerne – aber nur unter Umständen
Ein immer größerer Teil der Deutschen empfindet das derzeitige Steuersystem als ungerecht. Dabei würden sie freiwillig mehr zahlen, wenn die ...
-
22. Mai 2013
Mehr wert – Welche Folgen eine Aufwertung der D-Mark hätte
Was wäre, wenn Deutschland zur D-Mark zurückkehrt? Es gilt als unumstritten, dass die DM rasch gegenüber den anderen Währungen an Wert gewinnen ...